Handbuch 5. Auflage
Kindheit 831 sellschaftliche Wirksamkeit zu, begreift jedoch nicht ihre Erkenntniszugänge als eine Form der Vergesellschaftung. Die Frage nach der Kindheit als Thema der Sozialpädagogik ist mithin eine Va- riante der Frage, wie die Sozialpädagogik ihren Gegenstandsbereich konstruiert. Diese Frage soll im Folgenden indes weniger me- thodologisch (Honig 2008) als gegenstandsbezo- gen untersucht werden. Im Lichte der Ausgangs- these betrachtet kann sich ein sozialpädagogischer Kindheitsbegriff nicht unmittelbar auf die Wirk- lichkeit der Kinder beziehen. Allerdings besteht die Herausforderung darin, nicht auf der Ebene der Ideen und Diskurse über Kinder und Kindheit stehen zu bleiben, sondern diese Konstruktionen als Formen der Hervorbringung, genauer: der päd- agogischen Institutionalisierung von Kindheit zu begreifen. Der ■ ■ erste Schritt der Argumentation ist gleichsam ein methodologisches Prolegomenon. Um die The- matisierung von Kindern und Kindheit als einen Prozess der Gegenstandskonstitution fassen zu können, bedarf es nämlich einer Differenzierung von Beobachterpositionen. Zu diesem Zweck führe ich eine unübliche Unterscheidung zwischen Sozi- alpädagogik und Sozialer Arbeit ein, die Sozialpäd agogik als Gesichtspunkt bestimmt, unter dem die Praktiken der Sozialen Arbeit beobachtet werden. Dies erlaubt, den Ansatz der Untersuchung zu prä- zisieren. Sie geht von der Frage aus, wie sich die professionellen Handlungsfelder Sozialer Arbeit des Umstands vergewissern, dass sie es mit „Kin- dern“ zu tun haben und in welcher Weise sie mit „Kindern“ umzugehen haben. Im ■ ■ zweiten Schritt werden Artikel in aktuellen Le- xika und Handbüchern der Sozialpädagogik und der Sozialen Arbeit zu den Stichworten „Kinder“ und „Kindheit“ daraufhin durchgesehen, wie die Sozialpädagogik / Soziale Arbeit Kinder und Kind- heit kennt (und damit zugleich: wie das Verhältnis von Sozialpädagogik und Sozialer Arbeit gehand- habt wird). Die vorfindliche Konstellation der Posi- tionen wird im Lichte der leitenden Fragestellung kritisch gewürdigt. Der ■ ■ dritte Schritt der Argumentation knüpft an die Ausgangsfrage an, wie sich Soziale Arbeit ver- gewissert, mit „Kindern“ zu tun zu haben, und greift die Unterscheidung zwischen Sozialpädago- gik und Sozialer Arbeit wieder auf. „Kindheit“ wird als eine Semantik bestimmt, die es der Sozialen Ar- beit erlaubt, ihre Bearbeitung von Kindern als kind- gerecht auszuweisen. Das Kind der Sozialen Arbeit, so die These, ist das elternlose Kind, das Kind als Waise. Der abschließende ■ ■ Ausblick greift auf die Problem- stellung des Beitrags zurück und resümiert den Ge- dankengang. Die Einsicht in die Unbestimmtheit der Bestimmung des Kindes lenkt die Aufmerksam- keit auf die sozialen und epistemischen Praktiken seiner Vergegenständlichung. Die Antwort lautet also: Die Sozialpädagogik gewinnt ihren Begriff des Kindes durch eine Forschung, welche die Praktiken der pädagogischen Institutionalisierung von Kind- heit zum Thema macht. Diese Antwort ist nicht auf einen vorgängigen Begriff des Kindes festgelegt, weil sie auf die Beobachtung performativer Kind- heitsbegriffe abhebt. Gegenstandstheoretisch wird es dadurch möglich, einem soziokulturellenWandel Rechnung zu tragen, in dem die Kindheit ihre scheinbar unzweideutige, in den Termini pädago- gischer Anthropologie fixierbare Bedeutung verliert. Sozialpädagogik als Forschungszugang Das Kind ist eine pädagogische Idee; diese Idee ist indes auch ein konstitutives Element der Wirklich- keit von Kindern, der Kindheit als sozialer Tatsa- che. Um diesen Zusammenhang epistemischer Voraussetzungen und institutioneller Praktiken fassen zu können, bedarf es einer „Objektivierung der Objektivierung“ (Neumann 2008, 123 ff.). Um sie zu ermöglichen, führe ich eine Unterschei- dung zwischen Sozialpädagogik und Sozialer Ar- beit ein. Als Soziale Arbeit soll ein Organisationsbereich mo- derner Gesellschaften gelten, der sich als professio- nelles Handlungsfeld manifestiert. Der Ausdruck „Soziale Arbeit“ steht für institutionalisierte Prakti- ken der Behandlung – in diesem Zusammenhang: – von Kindern. Die Praktiken Sozialer Arbeit können unter zahlreichen disziplinären Blickwinkeln be- trachtet und auf sehr unterschiedliche gegenständ- lich-thematische Aspekte hin analysiert und be- schrieben werden. Die Adressierung von Kindern durch Soziale Arbeit ergibt sich aus ihrer sozialadmi- nistrativen Zuständigkeit für diese Altersgruppe der
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