Handbuch 5. Auflage
832 Honig Bevölkerung und ist gesetzlich geregelt. Soziale Ar- beit behandelt sie aber zugleich als Kinder, das heißt: Indem sie sie erzieht, betreut, schützt etc. vergegen- ständlicht sie sie als Kinder . Dabei greift sie auf mehr oder minder artikulierte Kindheitskonzepte zurück, die Sozialer Arbeit eine Regulation ihres Bezugs auf Kinder erlauben. Im Unterschied dazu formuliert Sozialpädagogik einen Gesichtspunkt (Mollenhauer 1998, 320), der zu beobachten erlaubt, wie Soziale Arbeit Kin- der als Kinder identifiziert. Ob der sozialpädagogi- sche Gesichtspunkt der einzige ist, der für die Adressierung von Kindern durch Soziale Arbeit relevant ist, kann hier offen bleiben. Entscheidend ist, dass Sozialpädagogik einen Zugang zur Sozia- len Arbeit repräsentiert; Sozialpädagogik wird als Sozioepistemologie Sozialer Arbeit verstanden (Neu- mann 2008). Sie beobachtet die Soziale Arbeit bei der Adressierung von Kindern und fragt nach der sozialen Logik ihrer Vergegenständlichung, statt sie vorauszusetzen. Als „Objektivierung der Objekti- vierung“ weiß sich der sozialpädagogische Gesichts- punkt selbst verwoben in den Gegenstand der Be- obachtung; das markiert die Differenz zu den Selbstbeschreibungen der Sozialen Arbeit. Anders als die geläufigen professionstheoretischen, deon- tologischen, handlungstheoretischen oder gesell- schaftstheoretischen Entwürfe zu einer Theorie der Sozialpädagogik / Sozialen Arbeit wird Sozialpäd agogik mithin methodologisch, als Forschungs- zugang verstanden. Was weiß die Sozialpädagogik / Soziale Arbeit über Kinder und Kindheit? Wie werden Kinder bzw. Kindheit in der Sozial pädagogik / Sozialen Arbeit thematisch? Bei der Be- antwortung dieser Frage stütze ich mich auf Lexika und Handbücher, weil sie als autoritative Quelle für den state of the art einer wissenschaftlichen Dis- ziplin oder eines Fachgebiets gelten können. Das erste Handbuch zur Sozialarbeit / Sozialpäd agogik von 1987 (Eyferth et al. 1987) enthielt ei- nen viel beachteten Artikel von Andreas Flitner zum Stichwort „Kindheit“ (Flitner 1987). Flitner entwickelt darin eine kindzentrierte Auffassung der Kindheit, die ihre Überzeugungskraft in einer sen- siblen Phänomenologie kindlicher Lebensäuße- rungen gewinnt. Er versteht Kindheit in erster Li- nie als „die eigene Wirklichkeit der Kinder […], die sich allen Interessen und allen Vereinnahmun- gen immer wieder entzieht“ (Flitner 1987, 624). Das individuelle Kind äußert seine Besonderheit als Kind, sein Wesen gleichsam, in seiner Kindlich- keit. Flitners Beitrag artikuliert ein reformpädago- gisch inspiriertes Bild vom Kind, ohne das die Er- ziehungsreformen seit den 1970er Jahren nicht denkbar gewesen wären. Er ist von Autoren wie Ludwig Liegle und Franz-Michael Konrad weiter- geführt worden (zuletzt Konrad / Schultheis 2008; Liegle 2006). Obwohl Flitner die Kindheit als ein historisches Phänomen begreift, basiert seine Posi- tion auf einer pädagogischen Anthropologie, die eine Gegenüberstellung von Kind und Gesellschaft impliziert und Kinder gleichsam als gefährdete Spezies sieht. Sozialpädagogik / Soziale Arbeit wird die Aufgabe eines „Anwalts des Kindes“ zugewie- sen. In der zweiten, völlig überarbeiteten Auflage (Otto /Thiersch 2001) tritt ein Beitrag zum Stich- wort „Kinder“ an die Stelle des Textes von Flitner (Nauck / Joos 2001). Autoren sind Bernhard Nauck und Magdalena Joos, zwei Soziologen, die Kinder als Bevölkerungsgruppe portraitieren und damit einen neuen Gegenstandsbegriff in den Kontext der Sozialpädagogik und der Sozialen Arbeit ein- bringen. War bei Flitner das einzelne Kind in der Besonderheit seiner Lebensäußerungen und seiner Weltaneignung der Inbegriff eines pädagogischen Kindheitsbegriffs, so bringen Nauck und Joos die Sozialität der Kindheit als demografische Kategorie und institutionalisierte Lebensphase zur Geltung. Mit der Unterscheidung zwischen Kindern, Kind- heit, Kindschaft und Kindsein bieten sie eine kon- zeptuelle Systematisierung an (Nauck / Joos 2001, 927 f.), die es im Kontext von Sozialer Arbeit / So- zialpädagogik erstmals erlaubt, die Kindheit als ein soziales Phänomen zu differenzieren. Das Handbuch „Grundriss Soziale Arbeit“ (Thole 2002) vertritt eine ausgeprägt professionsorien- tierte Sichtweise. Daher gibt es dort keine Kinder, sondern Mädchen, denen als Adressatinnen einer geschlechtersensiblen Sozialen Arbeit ein eigener Artikel gewidmet wird (Brückner 2002). Auch in der Neuausgabe des „Wörterbuchs Soziale Arbeit“ (Kreft /Mielenz 2005) wird der Kindheitsbegriff berufsfeldspezifisch vor-definiert. In den 1990er Jahren hatte sich dieses Berufsfeld grundlegend ge- ändert. Kinder und Kindheit waren vom Rand ins
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=