Handbuch 5. Auflage

Kindheit 833 Zentrum der Sozialen Arbeit gerückt. Das Anfang des Jahrzehnts in Kraft tretende Jugendhilfegesetz wurde ausdrücklich Kinder- und Jugendhilfegesetz genannt und bezog Kinder als eigenständige Adres- satengruppe Sozialer Arbeit in seinen Regelungs- bereich ein; 1992 ratifizierte die Bundesrepublik die UN-Kinderrechtskonvention. Der Fünfte Fa- milienbericht von 1994 gab dem Familienbegriff eine kindzentrierte Fassung und setzte die Kon- zepte des „Humanvermögens“ und der „strukturel- len Rücksichtslosigkeit“ in Umlauf – beide hatten ein nachhaltiges familien- und sozialpolitisches Echo. Der Zehnte Kinder- und Jugendbericht von 1998 war ein Nationaler Kinderbericht (Honig 2001a); mit der Vision einer „Kultur des Aufwach- sens“ entwarf er ein neues Handlungsfeld für die Soziale Arbeit. Armut von Kindern, Partizipation und Kinderpolitik, der quantitative Ausbau und die pädagogische Qualifizierung der Kindertages- betreuung und in jüngerer Zeit die Prävention von Kindeswohlgefährdungen sind Stichworte, mit de- nen sich Aufgaben einer Sozialen Arbeit mit Kin- dern markieren lassen. Diese Veränderungen seit den 1990er Jahren greift das „Wörterbuch Soziale Arbeit“ in einer großen Zahl feldspezifischer Stich- worte auf – von Kindergeld, Kinderhort, Kinder- krippe und Kinderschutz bis hin zum Kindesrecht –, aber anders als der „Grundriss Soziale Arbeit“ enthält es auch einen ausführlichen Beitrag zum Stichwort „Kindheit“ (Hornstein /Thole 2005), übrigens auch einen gesonderten Artikel zur frühen Kindheit (Liegle 2005). Im letzten Abschnitt ihres Beitrags weisen die Au- toren Walter Hornstein und Werner Thole auf die Entwicklung der einstigen Erziehungsfürsorge der 1920er Jahre zur sozialen Infrastruktur einer ei- genständigen, sich mit dem gesellschaftlichen Wandel verändernden Lebensphase Kindheit und Jugend hin und lenken damit die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der Sozialen Arbeit für die so- ziale Organisation der Kindheit (eingehender Andresen 2002, 26 ff.). Das Konzept der Lebens- phase spielt eine interessante Rolle für die sozial- pädagogische Identifizierung von Kindern und Kindheit. Einerseits prozessiert es die Unterschei- dung von Kindern und Erwachsenen, indem es an die vertrauten Assoziationen von Kindheit und Entwicklung anknüpft, andererseits aber vermit- telt es auch die Vorstellung eines sozialen Sachver- halts, der über Phänomene individuellen Kind- seins hinausgeht und öffnet den Kindheitsbegriff damit für die Denkmöglichkeit, dass der Über- gang vom Kind zum Erwachsenen anders als dia- chron strukturiert ist, wie es der Ausdruck „Le- bensphase Kindheit“ nahelegt. In einem ersten Anlauf hatte Lothar Böhnisch in seiner „Sozialpäd­ agogik des Kindes- und Jugendalters“ von 1992 (Böhnisch 1992) dem Lebensphasen-Konzept ei- nen genuin sozialpädagogischen Gehalt zu geben versucht, indem er die Kindheit als sozialräumlich verfasste Kinder-Öffentlichkeit konzeptualisierte, die das Spannungsfeld Lebensbewältigung / Sozial- integration kollektiv bearbeitet (Böhnisch 1992, 147 ff.). Allerdings spricht Böhnisch hier von „Kids“, also von 9- bis 14-Jährigen, rückt die Le- bensphase Kindheit also in die Nähe der Jugend- phase. Später analysiert er in seiner „Sozialpädago- gik der Lebensalter“ (Böhnisch 1997) die Kindheit als Lebensphase, indem er biografie- und sozial- theoretische Deutungsmuster in einer Theorie in- novativer individueller Ausbalancierung von aner- kannten Zielen und non-konformen individuellen Wegen („Lebensbewältigung“) zusammenführt. Böhnisch rezipiert das Anomie-Konzept Mertons, um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass die Einbettung individueller Muster gelebten Kind- seins in Kindheit als Element der Sozialstruktur selbst problematisch geworden ist. Kindheit ist weder als distinkte Entwicklungsphase noch als Inbegriff individuellen Kindseins hinreichend zu fassen – das ist die Intuition, die den neueren sozi- alpädagogischen Diskurs über Kinder und Kind- heit zusammenhält. Die Debatte um die Thematisierung von Kindern und Kindheit in der Sozialpädagogik / Sozialen Ar- beit kommt allerdings erst mit der Rezeption der nordischen und angelsächsischen Kindheitssozio- logie (grundlegend Jenks 1982 / 1992b; Qvortrup 1985; Thorne 1987) richtig in Schwung (And- resen /Diehm 2006b; Honig 1999). Diese wird von Sozialpädagogik und Sozialer Arbeit mittler- weile relativ breit zur Kenntnis genommen und verarbeitet (etwa Bamler et al. 2010; Luber /Hun- gerland 2008; Stickelmann / Frühauf 2003; Zitel- mann 2001). Die Rezeption setzte allerdings mit einem Abwehrreflex ein: Die kindheitssoziologi- sche Rede von der Kindheit als Konstrukt und vom Kind als Akteur wurde als „anti-pädagogisch“ qua- lifiziert und trifft vielfach heute noch auf zum Teil wütende (Göppel 1997), zum Teil herablassende

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