Handbuch 5. Auflage

Kindheit 835 Was ist die Alternative? Mit der Rezeption der sozi- alwissenschaftlichen Kindheitsforschung eröffnet sich ein Zugang zur pädagogischen Konstituierung des Kindes. Das Kind als Waise Die Rezeption der Kindheitssoziologie hat zu einer Selbst-Aufklärung der Sozialpädagogik /Sozialen Arbeit über ihre Kindheitskonstrukte beigetragen. Aber sie bleibt gewissermaßen auf halbem Wege stehen und scheint sogar hinter die Einsichten der pädagogischen Anthropologie zurückzufallen, wenn sie die Thematisierung von Kindern und Kindheit lediglich als „Konstruktionen“ versteht und auf Kindheitsdiskurse verkürzt. Die Soziologie der Kindheit ist aber nicht eine Soziologie der Kind- heitsdiskurse, sondern eine Wissenschaft vom Kind als einer sozialen Tatsache (Honig 2009). Die Re- zeption der Kindheitssoziologie in der Sozialpädago- gik/Sozialen Arbeit konfrontiert die Sozialpädago- gik also wieder mit der Frage nach dem Sozialen in der Pädagogik und stellt sie als Frage nach dem Kind in der Sozialpädagogik. In ihrem Beitrag zum „Handwörterbuch Erzie- hungswissenschaft“ schlägt Helga Kelle vor, die „Re- präsentationen gelebter Kindheit […] daraufhin zu befragen, wie sie den Zugriff auf die Erfahrungen der Kinder organisieren und welche Bilder heutigen Kinderlebens sie erzeugen“ (Kelle 2009a, 464). Die- ser Vorschlag verspricht, die Rezeption der interna- tionalen childhood studies entscheidend zu vertiefen. Er versteht die kulturellen Repräsentationen der Kindheit nicht lediglich als „Konstrukte“, sondern als institutionalisierte Praktiken, die Kindheit als soziale Tatsache ebenso sehr darstellen wie hervor- bringen. Eine sozialpädagogische Thematisierung von Kindern und Kindheit darf hinter diesen me- thodologischen Standard nicht zurückfallen. Er be- deutet allerdings nichts weniger, als dass der sozial- pädagogische Blick auf Kinder und Kindheit kein pädagogischer Blick ist, sondern die Pädagogisierung der Kinder durch die Praktiken Sozialer Arbeit be- obachtet und darzustellen erlaubt. Pädagogisierung ist ein Modus der Institutionalisierung, der auf eine pädagogische Idee des Kindes zurückgreift. Auf welchen impliziten Begriff vom Kind greifen die Praktiken der Pädagogisierung in der Sozialen Arbeit zurück? Die These lautet: Sie begreifen das Kind als Waisen. Diese These hat eine methodolo- gische und eine gegenstandsbezogene Dimension. Die Elternlosigkeit des Kindes der Sozialen Arbeit ist kein Zivilstand, sondern ein Erkenntnismuster, das die Aufgaben und die „Kindgemäßheit“ Sozia- ler Arbeit begründet. Die Konstituierung von Kindheit durch Soziale Arbeit kann im Prinzip jede Form annehmen. Ein wesentliches Ergebnis der Analysen von Kindheitsdiskursen lautet ja, dass „Kindheit“ ein kulturelles Muster ist, welches auf ein spezifisches psychisch-organisches Substrat nicht angewiesen ist, sondern sich seiner als Refe- renz bedient. Aber die These hat auch eine gegenstandsbezogene Dimension. Sie beinhaltet eine Aussage über die his- torische Systematik der Pädagogisierung der frühen Lebensphase (Honig 2010). Für die Soziale Arbeit sind Kinder als Adressaten und die Kindheit als ein Problem relevant, für das eine öffentliche Verant- wortung übernommen werden muss. „Wohl des Kindes“ lautet die Maxime stellvertretender Inklu- sion, mit der sich die Soziale Arbeit als Institution des Kindheitsmoratoriums legitimiert, weil sich in ihr ein generalisiertes Interesse an Kindern artiku- liert. Einerseits muss es vor seinen Eltern geschützt bzw. trotz seiner Herkunft gefördert werden, ande- rerseits müssen seine agency und Selbstorganisations- fähigkeit anerkannt und seine Rechte gewahrt wer- den. Schon Gertrud Bäumers viel zitierte Formulierung über die Zuständigkeit der Sozialpäd­ agogik bezog sich auf eine direkte Beziehung zwi- schen dem staatlich wahrgenommenen Recht der Gesellschaft auf fähigen Nachwuchs und dem Recht der Kinder auf Erziehung. Die gesetzlich verankerte Priorität der Familie sei „rein praktischer Natur“ (Bäumer 1929, 9). Damit formuliert sie eine be- reichspädagogische Logik Sozialer Arbeit. Diese praktiziert in ihren Einrichtungen und Maßnahmen einen Begriff des Kindes als Waisen, der dem fami- lialen Begriff des Kindes als Erben und dem Kind als Schüler komplementär zugeordnet ist. Historisch verweist sie u.a. auf die Schlüsselbedeutung des Vor- mundschaftswesens für die Herausbildung der So- zialen Arbeit (Sachße 1986). Zwischen „Stanser Brief“ und „Kinderheim Baumgarten“ reflektiert sie sich als Substitut, ja: Gegenentwurf zur Herkunfts- familie oder als Ermöglichung einer selbstorganisier- ten Gemeinschaft elternloser Kinder. Dabei kann die Elternlosigkeit durchaus unterschiedliche Gründe haben, von unterschiedlicher Dauer sein,

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