Handbuch 5. Auflage

Anerkennung 85 die erst „normale“ – also überhaupt anerkennungs- werte, zum Beispiel eindeutig vergeschlechtlichte oder „beschäftigungsfähige“ – Subjekte mit (be- grenzten) Handlungsmöglichkeiten hervorbringt. Insofern Anerkennungsverhältnisse den Akteuren also die vorgängige Anerkennung der ihnen selbst einbegriffenen Normen (wie etwa Zweigeschlecht- lichkeit) abverlangt, zeigen sich Begriffe von Auto- nomie und Handlungsfähigkeit als untertheoreti- siert und unbestimmt. Damit bleibt für die auf (Wieder)Herstellung jener Autonomie und Hand- lungsfähigkeit ausgerichtete Soziale Arbeit die Frage eines Entweder-Oders von Möglichkeits- erweiterung versus Anpassung unauflösbar. Ins- besondere in solchen Unauflösbarkeiten ist die Figur der Professionellen und ihres Ermessens- spielraums begründungsfähig, innerhalb dessen sie – anerkennungstheoretisch fundiert – profes- sionelle Deutungsvorschläge entwickeln, welche die Situation, Sichtweise und Befindlichkeiten der AdressatInnen ernst nehmen und sie gleichzeitig de-generalisierend feldbezogen zu professionellen und theoretischen Aspekten relationieren. Sowohl professionell-handlungspraktisch als auch theo- retisch-analytisch ermöglicht eine anerkennungs- theoretisch informierte Professionalität, subjekt- orientierte Überpointierungen des Fall- gegenüber dem Feldbezug zu vermeiden und weitergehend nach strukturellen Ungleichheitsverhältnissen, ungleichen Partizipationsrechten und Statusposi- tionen zu fragen. In der Perspektive „reflexiver Professionalisierung“ (Dewe /Otto 2005), der es mit einer explizit gesell- schaftspolitischen Positionierung auch darum geht, die Betroffenheit der AdressatInnen von struktu- rellen Ungleichheiten zu bearbeiten, erscheint dies sowohl professionspolitisch wie professionstheo- retisch anschlussfähig und stellt sich die Aufgabe, eine statusorientierte anerkennungstheoretische Konsolidierung Sozialer Arbeit weiter auszuformu- lieren. Insofern Soziale Arbeit in den benannten Engführungen bisher vor allem auf subjektorien- tierte anerkennungstheoretische Positionen Bezug nimmt, bieten das von Fraser vorgelegte Statusmo- dell der Anerkennung und das Konzept partizipa- torischer Parität im konturierten Sinne weiterrei- chende analytische, professionstheoretische und -politische sowie handlungspraktische Möglich- keiten. Eine solche Analyse, Theoriebildung und Gestaltung professioneller Interventionen berück- sichtigt, dass intersubjektive Anerkennung und Identitätsbildung Teil jener Unterwerfungsmecha- nismen sind, die Subjekte als Effekte hegemonialer (Anerkennungs)Diskurse innerhalb normativer Strukturen konstituieren. Anerkennung kann folg- lich nicht schlicht positives (sozial)pädagogisches Leitmotiv sein, sondern erfordert zum einen das Bedenken von Herrschaftseffekten und zum ande- ren eine ungleichheitsanalytische und umvertei- lungspolitische Relationierung. Beide Aspekte – An- erkennung und Umverteilung – verweisen gleichermaßen auf die Zielperspektive sozialarbeite- rischen Handelns der (Wieder)Herstellung von Au- tonomie und Handlungsfähigkeit, welche sich nicht allein im anerkennungsbasierten Fallbezug auf sub- jektivierende Weise realisieren lässt, sondern nach einem struktur-, macht- und statussensiblen Feld- bezug verlangt. So ließe sich in Theorie und Praxis Sozialer Arbeit adäquat nach (Einschränkungen) der Handlungsfähigkeit und gesellschaftlichen Partizi- pationsmöglichkeiten und auch nach der (un)an- gemessenen Repräsentation subjektiver und kollek- tiver Akteure fragen, wenn weniger deren „Inklusion“, subjektive Zufriedenheit, Selbstver- wirklichung und Identitätsentwicklung, sondern Statuspositionierungen, (De)Privilegierungen und entsprechende Einschränkungen von Lebensgestal- tungsmöglichkeiten in den Blick genommen wer- den. Auf diese Weise werden die AdressatInnen So- zialer Arbeit als strukturell ungleich Positionierte, statt in ihrer Identitätsbildung Beschädigte an- gesprochen. Diese Ausrichtung ist anschlussfähig an die Begründung Sozialer Arbeit als „Gerechtigkeits- profession“ und deren Akzentuierung der „Gewähr- leistung von Verwirklichungschancen“ (Schrödter 2007, 20), der es ebenfalls um strukturelle (De)Pri- vilegierung, Diskriminierung und Statuspositionie- rung der AdressatInnen geht. In diesem Kontext ist anerkennungstheoretisch nach der Positionierung der AdressatInnen in der professionellen Statushie- rarchie der Anerkennung zu fragen. Status: AdressatInnen Anerkennungstheoretisch betrachtet erscheint „personale Autonomie“ in Situationen partizipa- torischer Parität gegeben: Es könnte dann von ei- nem Zustand der Autonomie gesprochen werden, wenn subjektive Akteure über die materiellen und

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