Handbuch 5. Auflage

Klasse, Schicht, Milieu 851 hunderte mühsam einerseits die neuen Produktiv- kräfte entwickelt und andererseits das institutionelle „Gegengewicht“ von „sich selbst verwaltenden Asso- ziationen“, „Stadtgemeinden“ und schließlich des „modernen Repräsentativstaats“ erkämpft werden mussten (Marx 1847 /1959), 181; Marx /Engels 1848/1959, 464). Ähnlich könne auch der Weg zu einer nachkapitalistischen Gesellschaft aussehen. Der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, d.h. zwischen zuneh- mend vergesellschafteter Arbeit und bleibend pri- vater kapitalistischer Aneignung, werde in einer sehr langen und mit großen Anstrengungen verbunde- nen Entwicklung über den Kapitalismus hinaustrei- ben, wenn die „bereits erworbenen Produktivkräfte und die geltenden gesellschaftlichen Einrichtungen nicht mehr nebeneinander bestehen können“ (Marx 1847/1959, 181). Wie diese Perspektive konkret umgesetzt werden konnte, haben Marx und Engels nach 1850 ent- wickelt, als Wirtschaft und Arbeiterbewegungen ihren großen Aufschwung nahmen. Diese erkämpf- ten vor allem in England starke Gewerkschaften, erfolgreiche Genossenschaften, die Arbeitszeitver- kürzung und Erweiterungen des Wahlrechts und erhoben im Pariser Kommuneaufstand von 1871 die Selbstverwaltung der Betriebe und Gemeinden und ihre nationale Föderation zum Programm. Das Prinzip der Selbstverwaltung sollte zwei Ge- fahren entgegenwirken, die beide Autoren am fran- zösischen und amerikanischen Beispiel vernichtend kritisiert hatten: der alles erstickenden Staatsbüro- kratie und der Gefahr einer neuen Herrschaft der eigenen Funktionäre. Selbst Schulen sollten nicht von Staat oder Kirche, sondern „durch das Volk“ verwaltet werden. Aufgrund dieser Entwicklungen hat Engels (1892 / 1963, 265–281) schließlich die katastro- phische Krisentheorie und die antagonistische Klassen- und Verelendungstheorie zurückgenom- men. In dem unerhörten industriellen Aufschwung nach 1850 sei durch Parlamentsreformen und öko- nomische Verbesserungen die Arbeiterlage beson- ders in den großen Industriezweigen angehoben worden, während sie in anderen Industriezweigen ungeschützt geblieben sei. Die Wirtschaftskrisen hätten nicht mehr die Gestalt eines katastrophi- schen „Zusammenbruchs“, doch habe nach 1870 eine langjährige „drückende Stagnation“ einge- setzt, da England sein Industriemonopol infolge des Aufstiegs neuer Industrieländer verloren habe. Dies sei der Grund für den Aufschwung neuer Be- wegungen prekarisierter Arbeiter. Insgesamt macht Engels weder einen ‚revolutionären‘ noch einen ‚reformistischen‘ Weg zum Dogma, sondern hält eine Pluralität von Entwicklungswegen für sinn- voll, die nach Phasen und Land verschieden sein können. Das Konzept der Verelendung wird durch das Konzept der Prekarität, der unsicheren Lage, ersetzt. (3) Der Gegensatz zwischen den staatssozialistischen und den bewegungssozialistischen Klassenkonzep- ten entspricht den gegensätzlichen Paradigmen einer „materialistischen“ und einer „praxeologischen“ Theorie. Marx (1845/1981) hat schon 1845 in den Thesen über Feuerbach ein Paradigma gefordert, das quer zu der Alternative von Idealismus und „an- schauendem Materialismus“ liegt, indem es von der „sinnlich-menschlichen Tätigkeit, Praxis“ ausgeht. Zentral wurde für Marx die Beobachtung einer Dia- lektik zwischen der menschlichen Tätigkeit und den von ihr geschaffenen Resultaten, die sich zu die Menschen beherrschenden Mächten verselbststän- digen, aber durch neue Praxis immer wieder in Frage gestellt werden. Die „Praxistheorie“ fasst die Men- schen nicht als eigenschaftslose „Träger“ von öko- nomischen Strukturtrends, sondern als Akteure mit historisch gewordenen, eigenständigen Identitäten und aktiven Handlungsstrategien auf. Marx und Engels verstanden ihre Theoriebildung als heuristische Suchbewegung. Sie forderten, „nach den existierenden empirischen Daten“ an der „wirklichen Bewegung“ die „verschiedenen Entwicklungsformen zu analysieren und deren innres Band aufzuspüren“, und verwahrten sich dagegen, Textstellen von ihnen, die nur eine „sum- marische Zusammenfassung“ komplexer histori- scher Analysen sein sollten, wie eine „Konstruktion a priori“, „Doktrin“ oder „Prophezeiung“ zu be- handeln (Marx / Engels 1845–46 / 1973, 29; 35; Marx 1867 / 1962, 27); Marx 1875 / 1972, 11). Statt Ableitungen fordern sie die Differenzierung der Handlungsebenen . Engels kritisierte die dogma- tische Neigung, politische Entwicklungen als „Überbau“ aus dem ökonomischen „Unterbau“ „abzuleiten“ und die „relative Selbstständigkeit“ und „Eigenbewegung“ der Kräfte des politischen Feldes zu ignorieren, die an der realen historischen Entwicklung „im einzelnen untersucht“ werden müssten (Engels 1890 / 1967 a / b / c: 436 f.; 463;

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=