Handbuch 5. Auflage

852 Vester  490). Zur Differenzierung der Handlungsfelder gehörte auch, dass die sozio-kulturelle Identität der Menschen auch bei gemeinsamer sozialer Lage nach geschichtlichem Erfahrungshintergrund ver- schieden sein kann. So verwiesen sie auf die grund- sätzlich verschiedenen politischen „Standpunkte“, durch die sich die „kleinbürgerlichen“ Arbeiter, das „Lumpenproletariat“ und die modernen Fraktio- nen der Lohnarbeiter voneinander abhoben (Marx / Engels 1848 / 1959, 465; 471–73; Marx 1864 / 1962). Später ergänzten sie ihre ökonomi- schen Analysen durch die Rezeption historischer und ethnologischer Forschungen, um die Vorläufer demokratischer Selbstverwaltung und (entgegen ihrer früheren These, dass der Kapitalismus alle Bindungen auflöse) die Möglichkeit ihrer Wieder- kehr zu studieren. Die Logik, nach der Klassen entstehen, hat Marx schon 1847 am Beispiel der englischen Gewerk- schaftsbewegung herausgearbeitet (Marx 1847 / 1959, 175–182). Danach wird die Arbeiterklasse nicht nur durch ihre Klassenlage als eigentumslose Lohnarbeiter erzeugt, sie erzeugt sich auch in Kämpfen „als Klasse für sich selbst“. Politisch wird ihr Kampf, weil die institutionellen Sicherungen des Koalitions-, Tarif- und Arbeitsrechts erkämpft werden müssen. Für Marx erzeugt und gestaltet also Praxis (und nicht einfach kognitives Lernen) eigenständige und ‚objektive‘ soziale und institu- tionelle Realitäten. Im Modell des „offiziellen Marxismus“ wird diese Textstelle zu der Formel, dass durch die Ausbeutung die Arbeiter von der „Klasse an sich“ (der Ausdruck findet sich nirgends in den Werken von Marx und Engels) zur „Klasse für sich“ werden. Durch die suggestive hegeliani- sierende Rhetorik entsteht der Eindruck, die Men- schen seien „an sich“ schon eine Klasse und müss- ten es nur noch einsehen, die Selbsterzeugung durch Praxis und Assoziationsbildung kommt nicht mehr vor. Weber: Ein Mehrebenenansatz der Handlungslogiken Max Webers Eintreten für eine ideale, chancen- gleiche und sozial ausgeglichene bürgerliche Ge- sellschaft entsprach sein Interesse an einem begriff- lichen Instrumentarium,mit demdieMechanismen der Privilegierung und die Unterschiede der öko- nomischen, sozialen, kulturellen und politischen Handlungsebenen und Handlungslogiken heraus- gearbeitet werden konnten. Mit diesem Mehrebe- nenansatz wollte Weber die Dimensionen der Klassenpraxis in die Soziologie zurückholen, die der „offizielle Marxismus“ vernachlässigt hatte. (1) Klassen, Stände und Parteien werden von We- ber als Phänomene der „Machtverteilung inner- halb einerGemeinschaft“ verstanden (1921 / 1972, 531–540; Bendix / Lipset 1953 / 1966, 6–28; Grusky 2008). Damit sind drei Handlungsebenen des gesellschaftlichen Machtgefüges zu unter- scheiden, die verschiedenen Logiken folgen und nicht auseinander abgeleitet werden können (We- ber 1921 / 1972, 531; 539): „Klassen“ haben ihre Heimat in der „Wirtschaftsordnung“ (die nach der „Art der Verteilung und Verwendung öko- nomischer Güter und Leistungen“ organisiert ist) und „Stände“ in der „sozialen Ordnung“ (die nach der Art der Verteilung der sozialen ‚Ehre‘ zwischen typischen Gruppen organisiert ist). Von diesen Ordnungen aus beeinflussen sie einander gegenseitig sowie die Rechtsordnung, durch die sie wiederum beeinflusst werden. „Politische Par- teien“ sind primär in der „Sphäre der Macht“ zu Hause und in ihrem Handeln auf „soziale ‚Macht‘“, d. h. „Einfluss auf ein Gemeinschafts- handeln“ ausgerichtet. Das „‚parteimäßige‘ Ge- meinschaftshandeln“ ist „stets auf ein planvoll erstrebtes Ziel gerichtet“ und enthält daher „stets eine Vergesellschaftung“, im Gegensatz zum Ge- meinschaftshandeln der Klassen und Stände, auf das dies „nicht notwendig“ zutrifft (539). Weber untersucht im einzelnen die Logiken des politischen Gemeinschaftshandelns in seiner So- ziologie der Herrschaft (541–968) und die Logi- ken des klassen- und ständemäßigen Handelns in den Abschnitten zur Klassensoziologie (117–180; 531–540), zu den ethnischen Gemeinschafts- beziehungen (234–244) und zur Religionssozio- logie (245–381). Klassen und Stände definiert Weber, nach seiner zweischrittigen Methode, zunächst als „reine Ty- pen“ oder „Idealtypen“, um diese danach als Maßstäbe der empirischen Analyse anzuwenden. Indem er mit dieser Methode aus den Momenten der „geschichtlichen Wirklichkeit“ den „histori- schen Begriff“ erst „allmählich komponiert“ (We- ber 1905 / 1988, 30), gelangt er zu dem Ergebnis, dass die moderne Gesellschaft zwar auf sozialen

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