Handbuch 5. Auflage

854 Vester  nennt Weber die Vereinigten Staaten, wo die Er- werbsklassen eine „‚ständische‘ Gliederung“ auf der Basis konventioneller Lebensführung, stän- discher Schließungen der Verkehrs- und Heirats- kreise und der „Monopolisierung“ materieller und nichtmaterieller Güter und Chancen ein- schließlich der höheren Bildung entwickeln. Im Gegensatz zu der ursprünglichen Annahme von Marx (1848 / 1959, 464 f.), dass der Kapitalismus die ständischen Bande auflöse und nur das „nackte Interesse“ übrig lasse, betont Weber die hartnä- ckige Wiederkehr ständischer Praxis. Einzig in technisch-ökonomischen Übergangszeiten schiebe sich befristet die „nackte“ ökonomische Klassen- lage „in den Vordergrund“; die Rückkehr zu stabi- len ökonomischen Verhältnissen und die Verlang- samung der ökonomischenUmschichtungsprozesse führe jedoch alsbald wieder „zum Aufwachsen ‚ständischer‘ Bildungen“ und restituiert „die soziale ‚Ehre‘ wieder in ihrer Bedeutung“ (Weber 1921 / 1972, 539). (4) Lebensstil, Lebensführung und Habitus: Im Kapi- tel über ethnische Gemeinschaftsbeziehungen be- tont Weber die Bedeutung der „Anziehungs- oder Abstoßungsempfindung“ zwischen sozialen Grup- pen, die nicht nur über „ästhetisch auffällige Unter- schiede des nach außen hervortretenden Habitus“, sondern „durchaus gleichberechtigt“ auch durch die „wirklich starken Differenzen der ökonomischen Lebensführung“ vermittelt sind – beispielsweise „Unterschiede der typischen Kleidung, der typischen Wohn- und Ernährungsweise“ und ebenso „der üb- lichen Art der Arbeitsteilung zwischen den Ge- schlechtern“ (236; 238f.). Den historischen Abriss über „Stände, Klassen und Religion“ (285–314), der als mentalitätssoziologi- sche Pionierarbeit zum Hauptbezugstext für die Theorie des Klassenhabitus von Bourdieu (1971 / 2000) geworden ist, skizziert Weber ver- gleichend Berufsethos und -erfahrung eines um- fassenden sozialen Spektrums (Bauern, Kriegadel, Beamte, kaufmännisches und kapitalistisches Bür- gertum, Kleinbürger, Handwerker, Sklaven, Pro- letarier, autodidaktische Intelligenz, deklassierte Intellektuelle) und setzt dieses in Beziehung zu den verschiedenen Formen von Religiosität. Im Ergeb- nis stellt er zwar keine „eindeutige ökonomische Bedingtheit“ oder „Determiniertheit“ bestimmter Glaubensformen fest, räumt aber ein, dass eine ge- meinsame ökonomische Lage eine nicht unerheb- liche Chance oder Wahrscheinlichkeit solchen ty- pischen sozio-kulturellen Verhaltens mit sich bringt (Weber 1921 / 1972, 293). Insgesamt füllt Weber, ähnlich wie Durkheim und Veblen, die von Marx weitgehend gelassene Lücke bei der Untersuchung klassenspezifischer Kultur-, Kultus-, Habitus- und Praxisformen. Einflussreich blieben auch die operationalisierungsfähigen Kon- zepte der „sozialen Klasse“ (das zusammen mit den Konzepten des Habitus und der ständischen Prak- tiken, besonders von Bourdieu (1979 / 1982) wei- terentwickelt wurde) und der „Erwerbsklasse“ (das über Dahrendorf, Goldthorpe und Müller zum heute dominierenden ökonomischen Klassenkon- zept geworden ist). Allerdings wird in Goldthorpes Konzept die Logik des sozialen Handelns nach der Rational-Choice-Theorie aus der sozialen Stellung abgeleitet und nicht nach der verstehenden Praxis- hermeneutik des Weberschen Mehr-Ebenen-An- satzes eigens analysiert. Durkheim: Milieus als Beziehungs- und Moralzusammenhang Emile Durkheims Untersuchungen waren moti- viert durch Probleme der stürmischen Industriali- sierung um 1900 – das Vordringen kapitalistischer Konkurrenz- und Herrschaftsverhältnisse, die Auflösung sozialer und moralischer Zusammen- hänge und den Kampf der Arbeiterbewegungen um Koalitions- und Wahlrecht. Sein Engagement äußerte sich in der Entwicklung einer Soziologie, die die soziale Arbeitsteilung, Kohäsion und Soli- darität sowie die politische und wirtschaftliche Demokratisierung in die Mitte rückte und die Analyse der Arbeitsteilung und den „ethnological turn“ von Marx systematisch weiterführte. Er be- gründete die Soziologie der Vorstellungen („Re- präsentationen“) und des Habitus und führte das Konzept des sozialen Milieus als zentrales Kon- zept in die Soziologie ein. Durkheim (1895 / 1961; 1893 / 1902 / 1988) gibt dem Milieukonzept eine relativ strenge Bestim- mung. Das „soziale Milieu“ bezeichnet gesell- schaftliche Zusammenhänge, deren Zusammenhalt (Kohäsion) untereinander und Abgrenzung von- einander auf zwei Arten von sozialen Bindungen beruht, nämlich (1) auf spezifischen objektiven sozialen Beziehungen und (2) auf einer daran an-

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