Handbuch 5. Auflage
Klasse, Schicht, Milieu 855 knüpfenden gemeinsamen kulturellen Identität, insbesondere moralischen Verhaltensregeln. (1) Im Beziehungszusammenhang der Milieus neh- men die Einzelnen differenzierte soziale Stellungen ein. Unterschieden werden drei Arten von Milieus (Durkheim 1893 / 1902 / 1988, 245), die sich ge- schichtlich nacheinander entwickelt haben und heute überlagern. (a) Das familiale Milieu geht auf die Stammesgesellschaften zurück und organisiert nach dem Status in den Familien- und Verwandt- schaftsbeziehungen insbesondere die Stellungen nach Geschlecht, Alter, Abstammungslinie, Ver- wandtschaftsgrad usw. (b) Mit der Gründung der antiken Stadtgesellschaften traten neben die alten Blutsbande die „sozialen Bande“ (liens sociaux) der Arbeitsteilung in den beruflichen Milieus . Sie schuf die „organische Solidarität“ der Gesellschaft, die darauf beruht, dass ihre Glieder aufgrund ihrer funktionalen Spezialisierung voneinander abhängig sind wie die Organe eines Körpers. (c) Durch die Dynamik der Arbeitsteilung erweiterten sich nach und nach die territorialen Milieus , die politischen Gemeinden, zu staatlichen und übernationalen Zusammenhängen. Mit der Ausdehnung der Ar- beitsteilung über lokale Grenzen haben die Berufs- milieus auch ihre traditionellen ständischen Schranken immer mehr überwunden. Damit wurde deren innere Organisation, die den Bür- gerinnen und Bürgern und ihren Assoziationen ihren unterschiedlichen politischen und recht- lichen Status zuweist, zu weiteren, vor allem demo- kratischen Entwicklungen herausgefordert. (2) Ein nachhaltiger Zusammenhalt entsteht erst, wenn ein moralischer Zusammenhang hin- zukommt. Dieser entsteht, weil Individuen, die sich durch ähnliche Ideen, Interessen, Gefühle und Beschäftigungen von der übrigen Gesell- schaft unterscheiden, sich üblicherweise von- einander angezogen fühlen und zu Gruppen zu- sammenfinden, die allmählich ein gemeinsames Korpus moralischer Regeln entwickeln, mit dem sie ihre Identität von der anderer Gruppen ab- grenzen (Durkheim 1893 / 1902 / 1988, 55 f.) und den sie in einem eigenen moralischen Habi- tus (44) verinnerlichen. Ein Beispiel sind die be- ruflichen Korporationen mit ihren gemeinsamen Moral-, Ausbildungs-, Kult-, Gemeinschafts- und Solidaritätsformen (53). – Auch in anderen Schriften arbeitet Durkheim an empirischem Ma- terial heraus, dass den äußeren gesellschaftlichen Verhältnissen und Teilungen in der Regel auch innere Vorstellungen („Repräsentationen“) ent- sprechen, die kategorial von ähnlichen Einteilun- gen ausgehen. Dieses Milieukonzept stellt Durkheim dem wirt- schaftsliberalen Konzept Herbert Spencers gegen- über, das den sozialen Zusammenhalt aus wirtschaft lichen Tauschinteressen unabhängiger Individuen erklärt. Nach Durkheim entsteht Individualität überhaupt erst aus der inneren Differenzierung der beruflichen Milieus. Diese sind Grundeinheiten der Gesellschaft, die sich im Prozess der Arbeitstei- lung herausbilden und aus eigenem Antrieb in ih- rer Interaktion den sozialen Zusammenhalt und die Moral, die Arbeitsteilung und die funktionale Spezialisierung hervorbringen und dadurch auch die intellektuelle Kompetenz und die Reflexivität des Individuums erhöhen (55 f.; 474 f.). Durkheim rechtfertigt also mit der Betonung der Mechanis- men sozialen Zusammenhalts keineswegs die Ein- schränkung der individuellen Freiheiten. Die Praxis der Milieus vergegenständlicht sich zwar auch in materiellen Objekten, in Rechts- und Moralnor- men und in kulturellen Produkten, die als behar- rende Kräfte wirken. Doch ihre „überragende Be- deutung“ haben die sozialen Milieus als „lebendige Kraft“ und aktiver, „bestimmender Faktor der kol- lektiven Entwicklung“; ohne den „Begriff des sozialen Milieus“ ist daher „die Soziologie in die Unmöglichkeit versetzt, irgendwelche Kausalbezie- hungen festzustellen“ (Durkheim 1895 / 1961, 195–198). Durkheim will also mit demMilieubegriff den Klas- sen- oder Schichtbegriff nicht ersetzen. Er versteht die beruflichen Milieus als soziale Grundeinheiten, die alle funktional notwendig sind und die daher von sich aus keine Unterschiede im Machtrang be- gründen. Stände, Kasten und Klassen sind dem- gegenüber historische Spezialformen, die entstehen, wenn berufliche Milieus in bestimmte Herrschafts- ordnungen eingefügt werden. Durkheim hatte be- sonders die kapitalistische Fabrikindustrie vor Au- gen, die die von sich aus auf „Konsensus“ und „Solidarität“ beruhenden Arbeitsteilung durch eine „erzwungene Arbeitsteilung“ ersetzte, in der „die Funktionen derart verteilt sind, dass sie dem Indivi- duum nicht genügend Raum zum Handeln bieten“. Wenn das „abgestimmte Verhältnis zwischen den Fähigkeiten der Individuen und der Art der ihnen zugewiesenenTätigkeit gestört“ werde, seien „krank-
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