Handbuch 5. Auflage

856 Vester  hafte“ gesellschaftliche Entwicklungen, „schmerz- hafte Reibungen“ und „Klassenkämpfe“ die Folge (Durkheim 1893/1902/1988, 443–446; 459; 459). Als politische Lösung schlug Durkheim eine auf die selbstverwalteten Berufsmilieus gegründete Wirtschaftsdemokratie vor (42–51). Die soziale Lö- sung sah er in der Stärkung der der Milieus als inte- grative Kraft, die der sozialen Desintegration oder Anomie im Industriekapitalismus entgegenwirkt (227; 436f., 474; 479f.). In der Soziologie ist dieses für Durkheim zentrale Konzept lange an den Rand gedrängt worden. Par- sons hat die funktionale Arbeitsteilung der Berufs- milieus in seine nach 1950 lange sehr einflussreiche strukturell-funktionale Theorie der sozialen Schichtung aufgenommen, die einseitig den Aspekt des harmonischen funktionalen Ineinandergreifens der Akteure hervorhob und den Aspekt der Klas- senherrschaft, der nach dem Zeitgeist der 1950er Jahre mit der Ideologie des Parteimarxismus iden- tifiziert wurde, nicht zur Kenntnis nahm. Zu einer breiten Wiederaufnahme des Milieu- konzepts kam es erst in den 1980er Jahren, als Ergänzung zu den herkömmlichen Klassen- und Schichtkonzepten, die primär an die ökonomi- sche Gliederung der Sozialstruktur anknüpfen, durch eine ganzheitliche, vieldimensionale Orien- tierung an der sozialen Praxis. 1983 wurde das Konzept von Hradil wieder in die Soziologie ein- geführt. Ähnliche Konzepte wurden seit den 1960er Jahren entwickelt: für die Analyse der Kultur von Klassenmilieus (Williams, Thompson, Bourdieu, Vester u. a.), von parteipolitischen Mi- lieus (Lepsius, Lösche /Walter, von Oertzen u. a.) und seit 1980 von Konsum- und Lebensstilmi- lieus (Ueltzhöffer, Flaig u. a.). Von der polarisierten zur wohlfahrtsstaatlich regulierten Klassengesellschaft Die Entwicklungen, die Marx, Weber und Durk- heim beschäftigt hatten, kulminierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in schweren sozialstrukturellen Verwerfungen und weltweiten politischen Krisen und Kriegsperioden. Starke Konzentrationsbewe- gungen des Kapitals und soziale Deklassierungs- bewegungen der Mittel- und Arbeiterschichten überschnitten sich mit neuen Differenzierungen und Auffächerungen der Berufs- und Erwerbsstruk- turen. Mit der Veränderung der Lebensweisen, Kon- sumgewohnheiten und Lebensstile wuchsen auch die „horizontalen“ Spannungen zwischen traditio- nelleren und moderneren Milieus. Zugleich ver- schärften sich die Konflikte um die Frage, mit wel- chen staatlichen Eingriffen die Wirtschafts- und Sozialstrukturen reguliert und geordnet werden soll- ten. Die bürgerliche und die sozialdemokratische Mitte wurden durch die neue politisch-weltanschau- liche Polarisierung zwischen kommunistischen und faschistischen Bewegungen und Staaten heraus- gefordert und entwickelten schließlich verschiedene Varianten des modernen Wohlfahrtsstaats, die bis in die 1970er Jahre zur dominanten Lösung wurden. Geiger: Ein Paradigma der pluralen Klassenschichtung Angesichts dieser vielgestaltigen Veränderungen sa- hen die einen die These der Klassenpolarisierung, andere die These der Klassenauflösung und wieder andere die Perspektive einer Klassendifferenzierung bestätigt. Mit Hilfe des von Theodor Geiger ent- wickelten Paradigmas der pluralen Klassenschich- tung lassen sich diese Erscheinungen jedoch als Momente eines zusammenhängenden Prozesses ver- stehen. Geiger wendete als Erster die differenzierenden Klassenkonzepte, die Weber, Durkheim und der historische Marx gefordert hatten, zusammenhän- gend auf eine konkrete historische Periode an und bewährte sie damit auch empirisch und theoriebil- dend. Er benutzt dabei den Begriff der sozialen Schicht an Stelle des Begriffs der sozialen Klasse, um Verwechslungen mit dem doktrinären antago- nistischen Klassenbegriff des „politischen Marxis- mus“ vorzubeugen. In seinen Analysen verwendet Geiger das Schichtkonzept jedoch im Sinne des differenzierenden Klassenkonzeptes. Er entwickelte das erste Gesamtbild des deutschen Klassengefüges, indem er die zahlreichen Berufsgruppen der deut- schen Berufszählung von 1925 systematisch zu fünf großen, fein in sich differenzierten Klassen und Klassenfraktionen ordnete und mit einem ebenfalls fein differenzierten empirischen Gesamt- bild der Typen der „Mentalitäten“ bzw. des „Habi- tus“ (er benutzt beide Begriffe austauschbar) ver- band (Geiger 1932). In einer zweiten großen

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