Handbuch 5. Auflage

Klasse, Schicht, Milieu 857 Untersuchung analysierte er die Dynamik der komplexen Strukturverschiebungen im sozialen Gesamtgefüge vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1940er Jahre (1949). Dabei bezog er ins- besondere den Wohlfahrtsstaat ein. Viele vereinfachende Klassenkonzepte und auch die notorisch wiederkehrenden Thesen vom „Ende der Klassen“ beruhen darauf, dass sie wich- tige Dimensionen der Klassenstrukturierung nicht unterscheiden. Zur Unterscheidung dieser Handlungsdimensionen verwendet Geiger vier Schlüsselkonzepte einer differenzierenden Klas- senanalyse (Geißler 1985). Es handelt sich um (1) die Unterscheidungen von Mentalität und Ideo- logie, (2) die Pluralität der historischen Produkti- onsweisen, (3) die horizontale und die vertikale Arbeitsteilung und (4) die relative Unabhängig- keit des gesellschaftlichen und des politischen Handlungsfeldes gegenüber der Ökonomie. Mit Hilfe dieser begrifflichen Unterscheidungen kommt er zu dem Ergebnis, dass die Pluralisie- rung des sozialen Gefüges nicht, wie viele Intel- lektuelle annahmen, ein Zeichen der Auflösung, sondern ein Zeichen der historischen Weiterent- wicklung der Klassenteilungen ist. Er verwirft vor allem die vulgärmarxistische These der Verein- heitlichung der Arbeiterklasse: „Das Märchen von der Uniformität des Proletariats ist längst auf- gegeben, ohne dass es deshalb nötig wäre, das Vorhandensein einer proletarischen Klasse als So- zialgebilde zu bezweifeln“ (Geiger 1932, 14). (1) Die Differenz von Mentalität und Ideologie: Die Tatsache, dass Arbeiter sich ideologisch und parteipolitisch verschieden orientieren, ist kein Beweis für das Fehlen einer konsistenten Klassen- mentalität. Der Typus der „Mentalität“ oder des „Habitus“ entspricht durchaus weitgehend der Klassenlage, er kann sich aber „in verschiedene Doktrinärideologien auslegen […] Der Grad des Deckungsverhältnisses zwischen Lage und Ideo- logie ist sehr viel geringer, als zwischen Lage und Mentali- tät […] Proletarisches Klassenbewusstsein ist Mentali- tät – Kommunistisches Manifest und Parteiprogramme sind Ideologie. […] Lebenshaltung, Gewohnheiten des Konsums und der sonstigen Lebensgestaltung, Freizeitver- wendung, Lesegeschmack, Formen des Familienlebens und der Geselligkeit – tausend Einzelheiten des Alltagslebens bilden im Ensemble den Typ des Lebensduktus und dieser ist Ausdruck der Mentalität “ (78–80). (2) Die Pluralität gleichzeitig angewendeter Produk- tionsweisen: Die zweite Unterscheidung richtet sich gegen die vulgärmarxistische These der „Proletari- sierung“ und „Verelendung“, nach der die kapita- listischen und proletarischen Kerne der Gesell- schaft „als Pol undGegenpol in einemmagnetischen Feld“ (1949, 52) fungieren, welche die Mittel- schicht in Lohnarbeiter verwandeln und das Pro- letariat verelenden lassen. Geiger weist darauf hin, dass sich entwickelnde Gesellschaften in Wirklich- keit oft „plural“ geschichtet sind, d. h., sich aus äl- teren ständischen, modernen klassengesellschaftli- chen und zukunftswichtigen neuen Elementen der Schichtdifferenzierungen zusammensetzen (37– 73). In ihr „werden Reste der ständischen Schich- tung in der Klassengesellschaft bewahrt sein, und diese wird vielleicht schon die Keime einer aber- mals neuen Schichtungsstruktur in sich entwickelt haben“ (153). Mit der Annahme, ein neuer Struk- turzustand löse einen alten nicht plötzlich ab, son- dern müsse sich in ihm „vorbereitet haben und aus ihm hervorwachsen“ (52), knüpft Geiger direkt an Marx’ Theorie der historischen Produktionsweisen an. Zusätzlich stellt Geiger (1932, 84–105) fest, dass die hohe Beharrungskraft solcher Formationen zu „sozialgeschichtlichen Verwerfungen“ führen kann, wie sie sich am Fortwirken von Elementen der mittelalterlich-ständischen Kultur und Wirt- schaftsweise im alten bäuerlichen und gewerb- lichen Mittelstand zeigen und bei Teilen des „neuen Mittelstands“ der Angestellten und Beamten, das diese besonders anfällig für die ständisch-autoritäre Nazi-Propaganda machte. (3) Horizontale und vertikale Dynamiken der Arbeits- teilung: Wichtige „Trennungslinien“ (1949, 87) ent- standen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts durch zwei Differenzierungen der beruflichen Arbeitstei- lung : durch die (horizontale) funktionale Differen- zierung und durch die (vertikale) Differenzierung der Berufsqualifikationen. Horizontal differenzierte sich die Berufsgliederung durch das Wachstum tech- nischer und organisatorischer Aufgaben in Groß- unternehmen und Staat. Dadurch wuchs das Heer der Angestellten und Beamten (75f.), die sich nach ihrer krisenfesten Stellung, Funktion, Lebensweise und Mentalität wie auch politisch von der Arbeiter- klasse abgrenzten (75–83). Quer dazu wuchsen die Trennungslinien des „Qualifikationsranges“ (83). Alle abhängig Arbeitenden, Arbeiter wie Angestellte, teilten sich in ungelernte Gruppen in proletarischen

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