Handbuch 5. Auflage
858 Vester Lagen der Unsicherheit, die durch Schematisierung der Arbeit „immer leichter auswechselbar“ wurden (87), und den mit den verfeinerten Produktions- methoden und Maschinerien zunehmenden Anteil „hochqualifizierter Arbeitskräfte“ (88; 168–171), die „eine Art besonderer Mittelschicht neben den kleineren, gewerblichen Selbständigen“ bildeten. „Man bezeichnet dann die besitzende Mittelschicht als ‚den alten‘, die Lohnempfänger mit höherer Leis- tungsqualifikation als ‚den neuenMittelstand‘“ (87). Auch die verbleibenden Angehörigen des alten Mit- telstands wurden nicht proletarisiert, da vielen seit der Jahrhundertwende die Umstellung auf dezen- trale Technologien (Elektromotor) möglich wurde, auf neue Nachfragen (langlebige Konsumgüter und „Mechanisierung des Alltags“), neue Funktionstei- lungen mit Großbetrieben (Verkauf und Reparatur) und von den Standesverbänden erkämpfte staatliche Protektion (98–102). (4) Die relative Unabhängigkeit des gesellschaftlichen und des politischen Handlungsfeldes gegenüber der Ökonomie: Den sozialen Unterschieden, die von den ersten drei Bedingungen vergrößert werden, kann der Wohlfahrtsstaat entgegenwirken, der in Skandinavien und Großbritannien seit der Welt- wirtschaftskrise mit den Mitteln der politischen Demokratie geschaffen wurde, um die frühere Un- sicherheit und Not der Arbeiterexistenz abzumil- dern (72 f.; 184). Neben den Wirkungen des Sozi- alstaats, der Sozialversicherung, der progressiven Steuersätze und der „Zugänglichmachung höherer Ausbildungsmöglichkeiten für alle“ diskutiert Gei- ger vor allem die „Institutionalisierung des Klas- senantagonismus“, d. h. das Aushandlungssystems zwischen Unternehmern und Gewerkschaften, das erhebliche Einkommensbesserungen auch für ge- ring Qualifizierte und Versachlichungen der sozia- len Konflikte ermöglicht. Die Klassenlage hängt damit nicht mehr allein von der ökonomischen Stellung ab. Denn was die Lage der Arbeiter so „prekär“ macht, ist nicht die „wirtschaftliche Un- selbständigkeit“ an sich, sondern „die ewige Unsi- cherheit, in der er lebt“, so dass Krankheit, Arbeits- losigkeit, Alter und Invalidität „gleichbedeutend mit äußerster Armut“ sind (1949, 84 f.). Allerdings rechnete Geiger, entsprechend der da- mals diskutierten These einer „Revolution der Manager“ (196), damit, dass die lenkende staatli- che „die herrschende Gesellschaftsschicht der Zu- kunft“ würde, ob wir sie nun „Bürokratie“ oder „Herrschaft der Experten“ (218–220) nennen. Dahin „drängt uns die demokratische Staatsform, die den breiten Massen der Nichtbesitzenden das Übergewicht sichert“ (214). Eine Rückkehr zur unregulierten Wirtschaft sei „den Wünschen der breiten Massen zuwider“ und nur möglich durch „eine völlige Kursänderung der internationalen Wirtschaftspolitik“ (195). Sozialstrukturelle Verschiebungen seit den 1920er Jahren Mit Hilfe der differenzierenden Klassentheorie lassen sich die vielfältigen und in den Diskussionen seit den 1920er Jahren oft dramatisierten Verände- rungen als vier Strukturverschiebungen der mitt- leren, oberen, proletarischen und bäuerlichen Schichten zusammenfassen. (1) In den 1920er Jahren sorgte die Abnahme des „alten Mittelstands“ der Kleineigentümer für Un- ruhe. Entgegen marxistischen Prognosen stiegen jedoch viele nicht in das Proletariat ab, sondern modernisierten sich oder wechselten horizontal in den „neuen Mittelstand“ der Angestellten. Diejeni- gen, die abstiegen, entwickelten kein proletarisches Klassenbewusstsein, sondern behielten die stän- dische Mentalität ihrer Herkunft bei und wechsel- ten zunehmend von den konservativen zu rechts- extremen Parteien. (2) Nach 1930 nahmen die Kontroversen über neue Fraktionierungen der oberen bürgerlichen Klassen zu. Mit der Kapitalkonzentration hatten die privaten Unternehmer ihre beherrschende Rolle an die wachsenden Aktiengesellschaften verloren. Diese differenzierten sich funktional in die Klassenfraktionen des Besitzes (das Aktionärs- kapital) und der Kontrolle (die leitenden Ange- stellten bzw. „Manager“). Dem Aktionärskapital wurde das kurzfristige Spekulationsdenken ange- lastet, das mit dem Börsenkrach von 1929 die Weltwirtschaftskrise ausgelöst hatte. Die Macht verschob sich zur den eher langfristig kalkulieren- den Managern. Viele nahmen an, der Kapitalis- mus werde nun verschwinden, weil die „Herr- schaft der Manager“ sowohl in kapitalistischen wie kommunistischen Ländern die alte herr- schende Klasse privater Unternehmer ersetze. Andere sahen darin lediglich eine horizontale „Umstellung“ des oberen Bürgertums auf neue
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