Handbuch 5. Auflage
Klasse, Schicht, Milieu 859 „Erbregeln“, vom Erben von Privatunternehmen auf das Erwerben von höherer Bildung, die zum Überwechseln der jüngeren Generation auf lei- tende Positionen in Kapitalgesellschaften oder Staatsbehörden berechtigte. Zusammen mit den freien Berufen bildeten sie eine neue Oberschicht, die nicht mehr als Besitzbürgertum, sondern als „Klasse des höheren Dienstes“ („upper service class“) bezeichnet wurde (Goldthorpe). (3) Die dritte große Veränderung war die Entpro- letarisierung , das Aufrücken der Mehrheit der Ar- beiterklasse in Standards der sozialen Sicherheit, die vorher der Mitte vorbehalten gewesen waren. Dies wurde nach 1940 in allen kapitalistischen Ländern durch verschiedene (sozialdemokratische, liberale und konservative) Varianten des vorher schon in Skandinavien und den USA angebahnten Wohlfahrtsstaates verwirklicht. Getragen wurde diese Politik von „korporativen“, d. h. zwischen Unternehmerverbänden, Gewerkschaften und an- deren organisierten Interessen ausgehandelten, Ar- rangements, die die sozialen und politischen Risi- ken des Laissez-faire-Kapitalismus durch eine langfristige wirtschaftliche und soziale Stabilisie- rung überwinden sollten. (4) Nach 1950 entstand zusätzlich eine modernere Mittelstandspolitik . Sie verteidigte nicht mehr nur den bisherigen ständischen Status der kleineren Eigentümer. Angesichts wachsender internationa- ler Konkurrenz förderte sie auch, besonders im Agrarsektor, Umstellungen auf eine technisierte Produktion. Zugleich flankierte sie die beschleu- nigten horizontalen Umstellungen der dadurch freigesetzten Agrarbevölkerung auf Berufe in den wachsenden Industrie- und Dienstleistungssekto- ren. Tab. 1: Vertikale Statusverschiebungen Vertikale Statusverschiebungen: Erwerbstätige nach Stellung im Beruf BRD 1950 BRD 1970 DDR 1990 BRD 2001 a. Selbstständige 15,9 10,1 4,6% 9,9% b. Mithelfende Familienangehörige 15,6% 6,5% (in Selbstständi- gen enthalten) 1,2% c. Angestellte d. Beamte 15,5% 4,2% 29,3% 7,3% (in Arbeitern ent- halten) (in Arbeitern ent- halten) 50,2% 6,1% e. Arbeiter 48,6% 46,8% 95,3% 32,6% Die soziale Gliederung befand sich im Übergang. Es war daher kein Zufall, dass seit den 1930er Jahren der alte Klassenbegriff entweder differen- zierend (statt polarisierend) benutzt oder ganz durch den Schichtbegriff ersetzt wurde. Strittig blieb aber, ob die Klassengesellschaft sich damit auflöste oder nur auf ‚höherer Stufe‘ repro- duzierte. „Entproletarisierung“ und „Enttraditionalisierung“ im Wohlfahrtsstaat Der demokratische Wohlfahrtsstaat und die In- stitutionalisierung der Klassenkonflikte setzten nach 1945 in den kapitalistischen Ländern und nicht zuletzt der Bundesrepublik die Energien ei- nes zunächst unerwarteten Aufschwungs der wirt- schaftlichen, alltagskulturellen und politischen Entwicklungen frei. Die staatlichen Politiken wa- ren keine „Planwirtschaft“, sondern Regulierun- gen. Durch internationale Währungspolitik und wirtschaftliche Zusammenschlüsse flankierten sie die Risiken der internationalen Konkurrenz und eines steigenden Wirtschaftswachstums. Wachs- tum und Exportkonkurrenz beschleunigten wie- derum die erheblichen vertikalen und horizonta- len Strukturverschiebungen (Tab. 1 und 2), die hier nur durch einige grobe Indikatoren veran- schaulicht werden (Rudzio 2003, 439). Viele Millionen Menschen mussten sich auf neue Berufsfelder und -ausbildungen umstellen. Die Risiken dieser Umstellung wurden wirtschafts- und sozialpolitisch flankiert. Dies geschah vor al- lemdurch von den Interessenverbänden erkämpfte wirtschafts- und sozialpolitische Kompromisse.
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