Handbuch 5. Auflage

860 Vester  Dabei ging es nicht nur um direkte staatliche Maß- nahmen wie Stützungen, Umstellungshilfen und Öffnungen des Bildungs- und Ausbildungssystems, sondern auch um die Delegation von Zuständigkei- ten der Sozialpolitik an die Wohlfahrtsverbände und an die wirtschaftlichen Interessenverbände der Bau- ern, der Freiberufler und nicht zuletzt – in Gestalt des „institutionalisierten Klassenkonfliktes“ (Geiger 1949, Dahrendorf 1957) – an die Unternehmerver- bände und Gewerkschaften. So wurden bereits unter den konservativen Regierungen Adenauers vor allem von der Metall- und Bergarbeiterschaft die Rechte der Mitbestimmung, der Betriebsräte, der Arbeits- zeit und der Lohnfortzahlung für Kranke erstreikt und ausgehandelt. (1) Die Folgen der Besitzkonzentration bei den großen Unternehmen wurden zweifach kompensiert: für die Arbeitnehmer durch eine gewisse Mach- tumverteilung innerhalb der Unternehmen (Be- triebsräte, Mitbestimmung, individuelle Arbeit- nehmerrechte usw.) und für die Kinder der größeren und kleineren Unternehmer durch die (staatlich flankierte) horizontale Umstellung auf Berufsposi- tionen mit ähnlicher Rangstufe (in leitenden oder mittleren Angestelltenberufen). (2) Der konservativ-ständische alte Mittelstand der kleinen Bauern, Kaufleute und Handwerker schrumpfte stark und modernisierte gleichzeitig seine Produktionsweisen. Die Erwerbstätigen der Land- und Forstwirtschaft (Tab. 2, a.) verringerten sich von 1950 bis 1970 drastisch (von 24,6% auf 10,8%) und später etwas langsamer (auf 2,6%). Sowohl die Zahl der Betriebe wie auch die der mit- helfenden Familienangehörigen nahm stark ab (Tab. 1, b.), eine Folge der Produktivitätssteigerung durch Mechanisierung, Chemisierung und später der Elektronisierung. (3) Der neue Mittelstand der Angestellten und Be- amten verwandelte sich in eine arbeitnehmerische Mittelschicht , von einer eher privilegierten Minder- heit (von ca. 20%) zur Mehrheitsgruppe der Ar- beitnehmer (von ca. 56%) (Tab. 1, c. / d.). Dieser Wandel überschnitt sich weitgehend mit der Ver- doppelung der Dienstleistungen von ca. 33% auf ca. 65% (Tab. 3, c.), die ebenso mit Modernisie- rungen der Produktionsweisen verbunden war. Ne- ben die Teilgruppen mit traditionellem, (mittel-) ständischem Abgrenzungsverhalten nach unten trat eine Mehrheit mit einem eher arbeitnehmeri- schem Bewusstsein der Interessen gegenüber den Unternehmen und Staat. (4) Für die Mehrheit der Arbeiter schwanden die alten Merkmale der „Proletarität“, d. h. der unsi- cheren Beschäftigung, der sozialen Rechtlosigkeit und der eher geringen Fachqualifikation. Die wachsende Nachfrage nach Industriegütern ließ die bereits hohe Industriebeschäftigung bis 1970 nochmals ansteigen (von 42,6% auf 48,8%) (Tab. 2, d., vgl. Tab. 1, e.). Durch erkämpfte Rechte, hohes Fachkönnen und relative soziale Sicherheit erlangten sie ihrerseits soziale und kulturelle Stan- dards der sozialen „Mitte“. (Erst nach 1970 sank ihr Anteil wieder, aufgrund neuer Produktivitäts- steigerungen (auf 32,6%). (5) Die unterprivilegierten Milieus nahmen zwar an den Besserstellungen durch das Recht und das So- zialversicherungssystem teil, nicht jedoch an der Anhebung des Fach- und Bildungsstandards. Sie gelangten erstmals in sichere Normalarbeitsverhält- nisse, jedoch in gering qualifizierten und hoch be- lastenden Tätigkeiten, z. B. am Fließband, im Berg- bau und in bestimmten Dienstleistungen. Insgesamt bauten sich sowohl die ständisch-klein- bürgerlichen Strukturen als auch die schroffen Klassenspaltungen zwischen Kapital und Arbeit ab. Diese Sicherungen und die Einkommens- und Konsumexpansion beförderten die Integration des Mittelstands und der Arbeiterklasse , von denen seit Tab. 2:  Horizontale Sektorverschiebungen Horizontale Sektorverschiebungen: Erwerbstätige nach Sektoren BRD 1950 BRD 1970 DDR 1990 BRD 2001 a. Land- und Forstwirtschaft 24,6% 8,5% 10,8% 2,6% b. Handel und Verkehr 14,3% 17,5% 17,7% 23,2% c. Dienstleistungen und Staat 18,4% 25,2% 24,5% 41,9% d. Produzierendes Gewerbe 42,6% 48,8% 47,0% 32,4%

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