Handbuch 5. Auflage

Klasse, Schicht, Milieu 861 der Industrialisierung so viel soziale und politische Unruhe ausgegangen war. Bis 1970 aber „enttradi- tionalisierte“ sich die Klassengesellschaft. Während die herkömmlichen, eher gering qualifizierten Agrar- und Industrieberufe radikal schrumpften, wuchs die Mitte der modernen Facharbeiter und qualifizierten Angestellten mit mittleren Standards des Konsums, der sozialen Sicherheit, der Bildungs- beteiligung und der Berufsqualifikation. Für an- dere Bereiche beschleunigten sich, wie die beiden Tabellen zeigen, die Dynamiken nach 1970 so, dass sie neue Konflikte um die Weiterentwicklung der Institutionen auslösten. Dazu trug nicht zuletzt die neue soziale Unruhe in der nachfolgenden Generation bei, die sich seit den 1960er Jahren in neuen Protestbewegungen und in der Ablösung konservativer und rechter Regierun- gen, die mit dem amerikanischen Präsidenten Ken- nedy begann, äußerte. Der westdeutsche Entwicklungspfad teilte nicht die Modernisierungshemmnisse der DDR-Gesell- schaft, die in der Übernahme des altindustriellen Stahlmodells von der Sowjetunion und in der staatsbürokratischen Blockierung der Produktiv- kräfte begründet lagen (Vester et al. 1995). Ande- rerseits gab es trotz allem etwas Gemeinsames: Die DDR war eine „arbeiterliche Gesellschaft“ (Engler 1999, 173). In beiden Gesellschaften war, wenn auch unter verschiedenen politischen Re- gulierungsformen, die Arbeiterklasse in die Mitte aufgerückt, deren sichere soziale Standards zuvor mindestens teilweise dem alten und dem neuen Mittelstand vorbehalten gewesen waren. Aufbruch zu einem erweiterten Wohlfahrtsstaat Die in denWohlfahrtsstaaten geförderte Steigerung von Produktivitäts-, Lebens- und Kulturstandards führte entgegen den Erwartungen vieler schließlich doch nicht zur zufriedenen Anpassung, sondern zu neuen ökonomischen, kulturellen und politischen Widersprüchen. Zunächst hatten einflussreiche Theoretiker ange- sichts des wirtschaftlichen und sozialenAufschwungs angenommen, der Kapitalismus sei nun dauerhaft krisenfest. Konservative Soziologen sprachen, wie Helmut Schelsky, vom Verschwinden der Klassen- grenzen in einer „nivellierten Mittelstandsgesell- schaft“ oder stellten, wie Talcott Parsons, die Gesell- schaft als harmonisches Gefüge einer funktionalen Arbeitsteilung dar, in dem jeder den durch seine Fä- higkeiten verdienten Platz erhielt und die daher nicht durch Klassengegensätze gestört wurde. Die empirische Forschung entwickelte hierarchische Modelle eines dreifachen Schichtindikators (Ein- kommens-, Ausbildungs- und Berufsrang). Subjek- tive Schichtungstheorien reduzierten soziale Unter- schiede auf erfragte Prestigestufen. Linke Autoren wie Herbert Marcuse (1964/1967) vermissten die Polarisierung der Klassen und beklagten die „Ver- bürgerlichung“ der Arbeiterklasse, die den Ver- lockungen des Wohlstandskonsums und ideologi- scher Manipulation erlegen sei. Liberale „Konflikttheoretiker“ wie Ralf Dahrendorf (1957) gingen zwar vom Fortbestehen der Klassengegen- sätze aus, betonten aber, dass diese nicht durch For- men der Selbstverwaltung abgeschafft, sondern nur durch das Aushandlungssystem des „institutionali- sierten Klassenkonflikts“ reguliert und durch den Bildungsaufstieg als allgemeines „Bürgerrecht“, durch das jeder eine Chance hätte, durchlässig ge- macht werden können. Alle diese Theorien der Klassenintegration gingen noch von der klassischen Industriegesellschaft aus und hatten noch keinen Blick für die neuen Dif- ferenzierungen und Widersprüche der Gesell- schaft. Ihre Erklärungsmodelle definierten die Arbeiterklasse wesentlich noch durch ihre Defi- zite an Macht, Einkommen und Bildung und nicht durch ihre Kompetenzen als ökonomische und gesellschaftliche Produktivkräfte. In Wirk- lichkeit reichten nach 1970 in den kapitalistischen Ländern die Institutionen der neuen Produkti- onsverhältnisse nicht mehr aus, die von ihnen selbst entfesselten Dynamiken integrierend zu organisieren. Die durch die Arbeiterinteressen er- weiterte Kooperation der großen Interessengrup- pen und die neue internationale Kooperation der hoch entwickelten Länder hatten die Energien einer beschleunigten wissenschaftlich-technischen Revolution und Bildungsexpansion freigesetzt. Mit den besseren Produktivitäts-, Lebens- und Bildungsstandards entstanden seit dem Ende der 1960er Jahre neue Ungleichgewichte. Sie drück- ten sich im Strukturwandel der Arbeitsbeziehun- gen und der Alltagskultur aus und in der Wieder- kehr von wirtschaftlicher Stagnation und Massenarbeitslosigkeit.

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