Handbuch 5. Auflage
862 Vester Die durch ihre institutionalisierte Form verdeck- ten Arbeitskonflikte kehrten in vielen Ländern in Gestalt von betrieblichen Bewegungen für Arbei- terkontrolle und neuen gewerkschaftlichen Tarif- kämpfen wieder. Empirische Untersuchungen bestätigten, dass die „Wohlstandsarbeiter“ nicht ver(klein)bürgerlicht waren, sondern noch ein Ar- beitnehmerbewusstsein hatten, nur war es ratio- naler, reformistischer (Goldthorpe et al. 1968 / 1970–71); Kern / Schumann 1970). Serge Mallet (1963 / 1972) regte mit seiner Unter- suchung über die technische Intelligenz als „neue Arbeiterklasse“ breite Forschungen und Debatten in West und auch Ost über die neue technisch- industrielle Revolution aus. Diese verbanden sich mit den Forschungen und Diskussionen über Ar- beiterselbstverwaltung, Mitbestimmung am Ar- beitsplatz und eine zunehmende arbeitnehmeri- sche Interessenorientierung bei den Angestellten (u. a. von Oertzen 1963; 1965; Kern / Schumann 1982; 1984). Insgesamt war die „Entproletarisie- rung“ nicht rückwärts, auf eine ‚kleinbürgerliche‘ oder ‚mittelständische‘ Einordnung in Autoritäts- hierarchien gerichtet. Vielmehr wurde, nach dem Prinzip „Leistung gegen Teilhabe“, für die Bereit- schaft zu hoher Arbeitsleistung eine wachsende Teilhabe an den sozialen Chancen verlangt. Parallel tauchten neue soziale Spannungen zwi- schen den alten Milieus und den wachsenden neuen Milieus auf, die weiterführenden, sog. „postmaterialistischen“ Themen. Diese Ziele wurden in den 1960er Jahren zuerst von den in- ternationalen jugendlichen Protestbewegungen der „neuen Linken“ gegen Atomrüstung, Rassis- mus und autoritäre Institutionen und für eine „partizipatorische Demokratie“ thematisiert, tra- fen sich aber bald mit einer breiten Veränderung der Alltagskultur. Diese führten seit 1960, als John F. Kennedys zum Präsidenten der USA ge- wählt wurde, in vielen Ländern auch zur Abwahl autoritär-konservativer Regierungen. Dass der Aufbruch von den ‚Kindern der Wohlstandsgesell- schaft‘ ausging, war nicht aus ökonomischer Aus- beutung zu erklären, sondern aus einem Erfah- rungsbruch zwischen den Generationen. Nach der Erfahrung der jüngeren Generation entstand mit dem wachsenden gesellschaftlichen Reichtum die objektive Möglichkeit für erweiterte, autonomere Lebensperspektiven, die Elterngeneration hielt dagegen an den disziplinierenden und autoritären Lebensstilen, Politikformen und Institutionen fest, die sie in der Gesellschaft des Mangels, der Repression und der sozialen Unsicherheit erwor- ben hatte (Vester 1971). Damit lösten sich – im Gegensatz zur Individualisierungsthese von Beck (1983) – die Klassenmilieus nicht auf, aber sie modernisierten und differenzierten sich in den Jugendsubkulturen der Wohlstandsgesellschaft durch Elemente von Selbst- und Mitbestimmung (Clarke et al. 1977 / 1979). In gewisser Hinsicht waren die neuen sozialen Bewegungen die Avantgarde einer Weiterentwick- lung des Wohlfahrtsstaates „nach unten“ – durch eine „partizipatorische Demokratie“ (Kaufman), Selbst- und Mitbestimmung der Arbeitnehmer an der Betriebsbasis, der Frauen in Familie, Beruf und Politik, der Kinder und Jugendlichen in den Familien und Bildungseinrichtungen, durch die Gleichstellung der (in Deutschland neuen) aus- ländischen Zuwanderer und anderer Minderhei- ten, durch Abrüstung und ökologische Verant- wortung und eine tolerantere, kulturell vielfältigere Politik, die mit „Postmaterialismus“, „Bürgerge- sellschaft“ oder „Zivilgesellschaft“ umschrieben wird. Diese Ziele fanden wachsende Resonanz in der Gesellschaft. In Deutschland führte die gemein- same Opposition gegen die autoritären Institutio- nen der Ära Adenauer die alten und die neuen benachteiligten Milieus zusammen. 1969 wurde von ihnen der Sozialdemokrat Willy Brandt mit einem liberalen Koalitionspartner an die Macht gebracht. Er versuchte, den konservativen Wohl- fahrtsstaat durch den Kompromiss zwischen den alten und den neuen sozialen Bewegungen und der reformbereiten Bildungsschichten zu erwei- tern und dies auch durch die Normalisierung der Beziehungen mit dem Osten außenpolitisch ab- sichern. In der Regierungserklärung nach dem großen Wahlsieg von 1972 verkündete Brandt diese Erweiterung als „Arbeitnehmergesellschaft“, die die Macht des „großen Geldes“ zurückdränge, im Sinne des skandinavisch-sozialdemokratischen Modells des Wohlfahrtsstaates.
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