Handbuch 5. Auflage

Klasse, Schicht, Milieu 863 Die Transformation der Klassenkonstellationen im internationalen Wettbewerb Die kapitalistischen Wohlfahrtsstaaten standen zu Beginn der 1970er Jahre am Anfang einer neuen „langen Welle“ von widersprüchlichen und kon- fliktreichen Entwicklungen. In der Bundesrepublik konnten die unter der sozialliberalen Regierung er- strebten Erweiterungen des Wohlfahrtsstaats nicht hinreichend institutionalisiert werden. Ökonomi- sche Probleme und politische Konflikte sorgten dafür, dass die Klassenfraktion des Finanzmarkt- kapitals ihre Politiken nach und nach wieder durchsetzen konnte. Die Angehörigen der alterna- tiven neuen Milieus und der sozialliberalen Intelli- genz, die für die Ausweitung der sozialen Teilhabe und der Machtumverteilung nach unten eintraten, waren hauptsächlich in den Feldern der Alltags- kultur und der politischen Meinungsbildung do- minant geworden. Vom ökonomischen Feld aus wurde ihr Einfluss nach und nach wieder zurück- gedrängt – bis sich, als Folge der von der neolibera- len Politik erzeugten Krisenerscheinungen, die na- tionalen und internationalen Konstellationen erneut zugunsten keynesianisch-wohlfahrtsstaatli- cher Orientierungen verschoben. Tab. 3:  Indikatoren gebremster Dynamik Indikatoren gebremster Dynamik BRD 1950 BRD 1970 DDR 1990 BRD 2001 a. Erwerbspersonen (% der Bevölkerung) 45,9% 44,2% 54,8% 50,8% b. Deutsche Studierende  0,1Mio 0,4Mio 0,1Mio 1,9Mio c. Dienstleistungen / Industrie (% der Erwerbstätigen) 32,7 / 42,6% 42,7 / 48,8% 42,2 / 47,0% 65,1 / 32,4% d. Frauenanteil an Erwerbstätigen 35,7% 35,9% 48,9% 44,0% e. Ausfuhr (% des BSP / 2001% des BIP)  8,5% 18,5% keine Ang. 35,0% f. Bruttosozialprodukt (bis 1990 in DM) 98,1Mrd 675,7Mrd 210,6Mrd 2.071Mrd g. Unselbstständige Einkommen (% des BIP) 58,4% 68,0% keine Ang. 54,1% h. Arbeitslose (% der Erwerbspersonen)  7,2% 0,6% 7,1% 9,4% Das Problem der Stagnation: dynamische Produktivkräfte – bremsende Institutionen Schon seit Ende der 1960er Jahre hatten sich die Erscheinungen eines allgemeinen Wachstums- und Beschäftigungsrückgangs gemehrt. Nun sollte diese – schon von Keynes vorhergesagte – relative Stagnation der hochentwickelten kapitalistischen Ökonomien nicht mehr durch Stärkung der In- landsnachfrage, also der Arbeitseinkommen und der Staatsausgaben, kompensiert werden, sondern durch Stärkung der Exportnachfrage. Über eine Deregulierung der Lohn- und Sozialpolitik sollten die Stückkosten des Exports gesenkt werden. Die deutschen Exportbooms wurden mit einer Ab- wärtsspirale sinkender Einkommens- und Sozial- standards bezahlt (Zinn 2002). Durch die neoliberale Politik geriet die Dynamik der Produktivkräfte zunehmend in Widerspruch zu ihrer institutionellen Organisation. Dem ‚Gas- geben‘ in der Reichtumsproduktion stand das ‚Bremsen‘ in der Reichtumsverteilung gegenüber (Tab. 3). Dies erzeugte erhebliche Reibungsver- luste und Strukturveränderungen der bisher um eine breite Mitte zentrierten Wohlfahrtsgesell- schaft. Zum einen motivierte der zunehmende Druck der internationalen Konkurrenz eine beachtliche Ver- mehrung des gesellschaftlichen Reichtums (Tab. 3, f.) besonders über den enorm wachsenden Export (Tab. 3, e.). Die Konkurrenz beschleunigte den Wettlauf um die Erhöhung der Arbeitsproduktivi- tät durch bessere Fachqualifikationen und neue

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