Handbuch 5. Auflage

864 Vester  Technologien, und diese wiederum verstärkte drei große Verschiebungen in der Berufsstruktur: die Zunahme des Bildungskapitals, der höheren ■ ■ Berufsqualifikationen und Bildungsabschlüsse (Tab. 3, b.) – Stichwort „Kompetenzrevolution“; die Expansion der Dienstleistungsberufe auf Kos- ■ ■ ten der Industrieberufe (Tab. 3, c.) – Stichwort „Tertiarisierung“; das Wachstum der Erwerbstätigkeit von Frauen ■ ■ (Tab. 3, d.) – Stichwort „Feminisierung“. Zum anderen führte der Konkurrenzdruck zur zu- nehmend ungleichen Verteilung des wachsenden Reichtums. Wie in den 1950er /60er Jahren wurden von den Menschen erhebliche Umstellungen auf neue Ausbildungen, Berufe und Lebensweisen ver- langt. Doch deren Risiken wurden jetzt nicht mehr wohlfahrtsstaatlich flankiert. Die Senkung der Stückkosten, die den internationalen Wettbewerbs- vorsprung sichern sollte, erfolgte nicht allein durch qualitative Produktivitätssteigerungen. Im Interesse des „shareholder value“ und mit Hinweis auf die steigende Arbeitslosigkeit (3.h.) wurden Unterneh- men und Staat dazu genötigt, nach und nach Politi- ken der Senkung bzw. Bremsung der Lohn- und Sozialkosten (3.g.) und eines straffen disziplinieren- den Leistungsdrucks zu entwickeln. Diese Maßnahmen ließen die Polarisierungen der sozialen Lagen von „positiv privilegierten“ und „negativ privilegierten“ Klassen (Weber) und die soziale Unsicherheit („Prekarität“) der großen ar- beitnehmerischenMitte schrittweise zurückkehren. Zudem wurden, besonders in Deutschland, die drei Dynamiken der Produktivkräfte gebremst. Die Zahl der Erwerbstätigen im Hochqualifikati- ons- und im Tertiärbereich und die Einkommen der Frauen liegen deutlich unter dem internationa- len Durchschnitt (siehe dazu auch das Kapitel „Ökonomische Erwerbsklassen: drei gebremste Dynamiken“). Alternative Pfade des kapitalistischen Wohlfahrtsstaats Gösta Esping-Andersen (1993; 1998) hat Geigers Theorie der politischen Intervention in die Klassen- beziehungen weiterentwickelt. Er unterscheidet mindestens drei „Entwicklungspfade“ des wohl- fahrtsstaatlichen Kapitalismus. Nach seiner „institu- tionellen Schichtungstheorie“ (1993, 2) hängen die Klassenverhältnisse nicht nur von den „nackten“ ökonomischen Marktinteressen ab, sondern auch von den historischen Kämpfen und Kompromissen der großen gesellschaftlichen Gruppen. Diese his- torischen „Pfade“ sind auf vier Handlungsebenen institutionell verfestigt: (1) in den Institutionen des Staates, (2) im tarifpolitischen Konflikt- und Aus- handlungssystem, (3) im Modell der Familie und der geschlechtlichen Arbeitsteilung und (4) in den Teilhabe- und Mitwirkungsrechten der Bürgerinnen und Bürger (Marshall 1950/1989). Sie unterschei- den sich danach, ob ihre Politiken eine polarisierte, eine in der Mitte integrierte oder eine hierarchisch gestufte Gesellschaftsordnung begünstigen. (a) Der sozialdemokratische Pfad , der aus den ver- gleichsweise egalitären Traditionen Skandinaviens entstand, erstrebt insbesondere die Anhebung der unteren Schichten auf die individuellen Lebens- chancen der modernen Mittelschichten und die Gleichstellung der Frauen. Er bietet eine steuer- finanzierte staatliche Vorsorge und, als Alternative zu Prekarität oder Erwerbslosigkeit, mehr Arbeits- plätze, auch für Frauen, auf den mittleren Rang- stufen der Gesundheits-, Bildungs- und Sozial- dienstleistungen. (b) Der konservative Pfad geht auf die korporativen Traditionen des kontinentalen Westeuropa zurück, die sich vom Laissez-faire-Kapitalismus abgrenzen. In Deutschland wurden die Grundzüge des Mo- dells vor allem im Klassenkompromiss des Bis- marckschen „Sozialversicherungsstaates“ institu- tionalisiert. Er beruht auf einem Arrangement zwischen ständischen Interessen (Besitzstands- und Statussicherung), marktwirtschaftlichen Interessen (Leistungsdifferenzierung) und sozialintegrativen Interessen (sozialer Ausgleich). Die soziale Un- gleichheit wird durch die Sicherung des bisherigen Platzes (der Gesellschafts-, Geschlechts- und Al- tersklassen) abgefedert in einer Hierarchie gestufter Rechte und Pflichten. Die Weiterentwicklung der 1950er Jahre sanktioniert wirtschaftspolitisch die Sicherung einer großen Mitte von Arbeitnehmern und Kleineigentümern, familienpolitisch das pa- triarchalische Alleinverdienermodell und sozialpo- litisch die Vorsorge nicht durch Privatversicherun- gen oder Steuermittel, sondern nach dem Sozialversicherungsprinzip, d. h. auf Gegenseitig- keit mit einer Komponente des sozialen Ausgleichs.

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