Handbuch 5. Auflage
870 Vester einhergehen. Der soziale Raum ist für Bourdieu somit nicht statisch, sondern ein „hodologischer Raum“, ein Raum der biographischen Wege und strukturellen Bewegungen. Von Interpreten, die diese vieldimensionalen Dif- ferenzierungen nicht beachten, wird Bourdieu als Apologet eines „ökonomischen Determinismus“ bzw. einer statischen Reproduktion von Klassen- herrschaft missverstanden. Das hat auch damit zu tun, dass Bourdieu selber nur einen Teil der Mög- lichkeiten seines differenzierenden Paradigmas für empirische Untersuchungen genutzt hat. Die „Fei- nen Unterschiede“ sollten beispielsweise die Me- chanismen der Reproduktion sozialer Klassen in Frankreich untersuchen und konzentrierten sich daher in den Stichproben und Methoden auf die bürgerlichen und die an sie angepassten kleinbür- gerlichen Klassen (629; 786 f.), mit dem For- schungsergebnis, dass die Modernisierung ihrer Berufe und Stile nicht zur Infragestellung der He- gemonie der oberen Klasse führte (599–584). Bourdieus innovativen Konzepte entwickelten je- doch eine enorme Fruchtbarkeit, als sie in späteren Studien anderer Autoren dazu genutzt wurden, die Differenzierung der Volksmilieus in verschiedenen Ländern systematischer zu untersuchen, insbeson- dere in den Niederlanden (Rupp 1995), in der Schweiz (Karrer 1998), in Norwegens Ölhaupt- stadt Stavanger (Rosenlund 2000), in Großbritan- nien (Savage et al. 2005) und der Bundesrepublik (Vester et al. 2001). Alle diese Untersuchungen analysierten die Auffächerung der Arbeitnehmer- milieus im Zusammenhang mit der Zunahme des kulturellen Kapitals, die erst nach Bourdieus eige- nen Erhebungen in den 1960er Jahren ihre große Dynamik entfaltete. Große Befragungen mit generationenvergleichen- den Interviews haben einen „intergenerationellen Habitus- und Mentalitätswandel“ bestätigt (Vester et al. 2001, 211–369). Dabei wurden, entgegen der Individualisierungsthese (Beck 1983; 1986), die Grundmuster des Herkunftshabitus beibehal- ten, aber aufgrund neuer Erfahrungen durch Ele- mente der Autonomie und Partizipation, die sie vom restriktiven Pflicht- oder Gehorsamsethos der Eltern abgrenzten, modernisiert. Durch die Über- schneidung von vertikaler Klassenstufung und ho- rizontalen Auffächerungen hat sich die Gestalt ei- ner „pluralisierten Klassengesellschaft“ (Vester et al. 2001, 135–149) herausgebildet. Die anschlie- ßend auf der Grundlage repräsentativer Befragun- gen entwickelte „Gesamtlandkarte“ der deutschen Milieus zeigte – bei einer Vielfalt individueller Va- rianten – eine klare Gliederung in drei vertikale Klassenstufen, die in sich horizontal aufgefächert waren (27–57). Vertikal heben sich nach oben immer noch die oberen bürgerlichen und kleinbürgerlichen Milieus (ca. 20%) mit privilegierten Lebens- und Bildungs- standards und distinktiven Stil- und Führungs- ansprüchen ab. Die große arbeitnehmerische Mit- telschicht darunter (ca. 68%), in mittleren Lebens- und Bildungsstandards, findet ihre Identi- tät in einem gesicherten, „respektablen“ sozialen Status und grenzt sich dadurch nach oben und nach unten ab. Die negativ privilegierte „Unter- schicht“ (ca. 12%) ist mit ihren niedrigen Bil- dungs- und Sicherheitsstandards stärker auf Strate- gien der Gelegenheitsnutzung und der Anlehnung an Stärkere verwiesen. Die ständischen Abgrenzun- gen von „privilegierten“, „respektablen“ und „un- terprivilegierten“ Milieus unterscheidet sich von dem liberalen Bild einer durchlässigen Gesellschaft mit gleichen Konkurrenzchancen und auch von dem vulgärmarxistischen Modell eines Klassen- dualismus zwischen Kapital und Arbeit. Allerdings hat sich diese vertikale Ordnung durch erhebliche horizontale Bewegungen zum linken Pol des sozia- len Raums, mit moderneren Berufen und Ausbil- dungen und autonomie- und partizipationsorien- tierten Mentalitäten, differenziert. Alle Milieus und Milieufraktionen grenzen sich auch heute noch durch spezifische berufliche und soziale Lagen und im Habitus verkörperter Identi- täten und Strategien voneinander ab. Von einem „Ende“, einer „Auflösung“ oder „Fragmentierung“ der sozialen Klassen kann nicht die Rede sein. Jedes Milieu hat sich mit einem Repertoire konsistenter Strategien auf die aktive Bewältigung seiner be- sonderen Lage gleichsam „spezialisiert“. Auch die These eines allgemeinen Rückfalls in egoistische Haltungen individueller Vorteilsnahme oder passi- ver Versorgung durch den Staat entbehrt der Grundlage. Die Vorstellungen von einer gerechten sozialen Ordnung unterscheiden sich zwar nach konservativen, modernen und unterprivilegierten Varianten. Sie haben jedoch einen gemeinsamen Nenner in den Mustern der Gegenseitigkeit, die im Alltagsleben und in den langen Erfahrungen mit dem Sozialstaat Praxis sind. Dem entsprechen eine
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