Handbuch 5. Auflage

Klasse, Schicht, Milieu 871 hohe, kulturell und habituell verankerte Sensibili- tät für Statusverluste und Leistungsgerechtigkeit und Verpönung von Privilegierungen und nicht zuletzt ein ausgeprägtes Bewusstsein der eigenen Rechte, Interessen und Ansprüche gegenüber Un- ternehmen und Staat. – Das Problem liegt eher in der politischen Umsetzung dieser Erfahrungen und Haltungen. Prekarisierung, Exklusion und soziale Gerechtigkeit Der neoliberale Pfadwechsel, der den Sozialstaat als verwöhnende Hängematte darstellte und die sozia- len Ungleichheiten als Anreiz für Leistungssteige- rungen wieder herstellen wollte, hat die gewohnten Lebensweisen und Gerechtigkeitsvorstellungen der Milieus in drei Dimensionen herausgefordert (Ves- ter 2006b, 259). Die Politik des „ Sparens “ hat die gewohnten materiellen Lebensstandards in Frage gestellt durch Zumutungen der Prekarität und Ex- klusion verstärkt. Die Politiken der Flexibilisierung und Verunsicherung greifen in die Qualität der Lebensweise sowie die Umgangs- und Organisati- onsformen des alltäglichen Arbeitens und Lebens ein und schränken die Gestaltungsfreiheiten ein. Davon werden zunehmend auch Menschen in den gesicherten Lagen, in der Zone der „Integration“ (Castel 1995 / 2000), betroffen. Schließlich wird das Prinzip einer fairen Verteilung der Vorteile und Lasten durch eine zunehmende Asymmetrie zwi- schen privilegierten und minder privilegierten so- zialen Gruppen in Frage gestellt. (1) Die sozialen Schieflagen bewirken dabei weni- ger eine soziale Zweiteilung als eine Dreiteilung, die der ständischen Stufung der Gesellschaft ent- spricht: gesteigerte Privilegierung der oberen Schichten, Zunahme der sozialen Unsicherheit („Prekarität“) in der früher stabil gesicherten Ar- beitnehmermitte und Zunahme der Ausschlie- ßung („Exklusion“) vom Wohlstand nicht nur in den unterprivilegierten, sondern auch in den ge- ringer qualifizierten Arbeitnehmergruppen der Mitte (Hübinger 1996; Castel 1995 / 2000). Dies wird exemplarisch verdeutlicht (a) von der Preka- risierung der Einkommensverteilung und (b) von der Bremsung der Bildungschancen. (a) In der Einkommensverteilung hatte sich, nach repräsentativen Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), schon 2005 eine Teilung in drei soziale Großlagen herausgebildet (Groh-Samberg 2007, 179): Nur noch 45,9% lebten in eher dauerhaft gesi- ■ ■ chertem Wohlstand, mit 131,8% des mittleren Einkommens. 26,1% lebten in instabilem Wohlstand (89,0% ■ ■ d.m. Eink.). Die Gruppe hat kontinuierlich und etwa in dem Maße abgenommen, wie die verfes- tigte Armut zunahm. 28% waren von den allgemeinen Standards des ■ ■ Wohlstands und der sozialen Sicherheit aus- geschlossen. Unter diesen lebten 9,5% temporär oder in Teilbereichen der Lebensführung in Armut (mit ca. 68% d.m. Eink.), 10,1% direkt an oder unter der Armutsgrenze (60% d.m. Eink.) und 8,4% in verfestigter Armut (43,1% d.m. Eink.). In diese Armutsschichten, die nach 1990 stetig ge- wachsen sind, abzusinken, ist durchaus ein Klas- senrisiko. Es trifft vor allem die gering qualifizier- ten Arbeiter und Angestellten und unter diesen besonders Migranten, Alleinerziehende und Fami- lien mit mehr als zwei Kindern. Die Arbeitnehmer der Mitte sind weniger vom Ab- stieg in die Armut als von relativem Abstieg in we- niger sichere („prekäre“) Lagen der Knappheit be- droht, darunter auch Menschen mit guter Fachausbildung, die in die (nach den Angaben des Sachverständigenrats von 2008) auf 38% der Be- schäftigten gewachsenen Sektoren „atypischer Ar- beitsverhältnisse“, also Niedriglohn, Leiharbeit, befristete Beschäftigung, Teilzeitarbeit usw., abge- drängt sind. Inzwischen diagnostiziert das DIW auch eine „schrumpfende Mittelschicht“: „Die Schicht der Bezieher mittlerer Einkommen […] ging von 62% im Jahr 2000 auf 54% im Jahr 2006 zurück. Entsprechend gestiegen ist der Bevölkerungsanteil an den Rändern der Einkommensverteilung, wobei […] die Abwärtsmobilität stärker ausgeprägt war.“ (Grabka / Frick 2008, 101) (b) Bremsung der Bildungschancen . Das segregie- rende Schulsystem konserviert eine ständische Chancenordnung, die die Kinder nach ihrer Her- kunft in das dreistufige System der Schulen und der fachlichen Berufswege „einsortiert“ (Müller 1998a; Vester 2006a). Die Herkunftsfamilie

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=