Handbuch 5. Auflage
878 Ansen unterbricht Krankheit alltägliche Routinen und typische Abläufe. Damit wird die Handlungsfähig- keit im Alltag unterbrochen und krisenhafte Zu- spitzungen, die über das hinausgehen, was unmit- telbar mit einer Erkrankung verbunden ist, können auftreten. Auch das Erleben von Raum, Zeit und Beziehungen wird durch eine einschneidende Er- krankung verändert. So wird z. B. hinsichtlich des Zeiterlebens die Zukunft als bedrohlich erlebt, Beziehungen werden u. U. von Misstrauen beglei- tet und der Raum wird bei bestehenden Mobili- tätseinbußen als unterstimulierend wahrgenom- men. Diese subjektiven Reaktionen belasten den Verlauf einer Erkrankung zusätzlich. Die soziale Dimension der Krankheit wird durch ungleiche Gesundheitschancen geprägt. Sozialepi- demiologische Studien bestätigen, dass ein nied- riger sozialökonomischer Status – gemessen an Bildung, Einkommen und beruflicher Posi- tion – das Krankheits- und vorzeitige Sterberisiko signifikant erhöht (Siegrist /Marmot 2008). Ur- sächlich verantwortlich sind dafür imWesentlichen ungünstige Wohn- und Arbeitsbedingungen, ge- sundheitsbelastende Lebensstile und Zugangsbar- rieren im Gesundheitswesen. Verschiedene Erklä- rungsansätze werden herangezogen, um die Ausdehnung der sozialen Ungleichheit auf die ge- sundheitliche Ungleichheit zu rekonstruieren. Hierzu zählen soziale Selektionsprozesse, wonach Krankheit zu Armut führt, ebenso wie die Kausali- tätsannahme – Armut begünstigt die Entstehung von Krankheit – und psychosoziale Modelle, in denen die Stress- und Bewältigungsforschung eine zentrale Rolle spielt (Richter /Hurrelmann 2006, 17 f.). In den theoretischen Zugängen zur Sozialen Arbeit werden die mit der sozialen Dimension der Erkrankung verbundenen Fragen von Staub-Ber- nasconi aufgegriffen (Staub-Bernasconi 2007, 271 f.). Nach ihrem Verständnis umfassen soziale Probleme, die den Gegenstand der Sozialen Arbeit bilden, auch Ausstattungsmängel auf der körper- lichen Ebene. Krankheit führt unter ungünstigen Voraussetzungen zu individueller Ohnmacht, wel- che Menschen daran hindert, ihre Interessen durchzusetzen, und zu struktureller Ohnmacht durch Diskriminierung und Stigmatisierung. Auch aus diesem Zusammenhang resultieren zentrale Herausforderungen für die Klinische Sozialarbeit. Methodik der Klinischen Sozialarbeit Die Klinische Sozialarbeit ist keine neue Methode der Sozialen Arbeit, vielmehr werden unter kli- nischen Aspekten klientenorientierte Methoden kombiniert. In der englischsprachigen Fachlitera- tur dominieren zielgruppen- oder arbeitsfeldbezo- gene methodische Hinweise. Überwiegend werden Zielgruppen wie psychisch kranke Menschen, alte Menschen oder Opfer von Gewalterfahrungen in den Mittelpunkt der klinisch-sozialarbeiterischen Betrachtung gestellt oder es werden Arbeitsfelder der Klinischen Sozialarbeit wie das Allgemeinkran- kenhaus, die Psychiatrie oder die Suchtkranken- hilfe beschrieben. Auch in den einschlägigen deutschsprachigen Publikationen ist eine grund- legende Methodensystematik noch nicht zu erken- nen. Vielfach werden Methoden wie Beratung, Psychotherapie und Soziotherapie oder Case Ma- nagement nebeneinandergestellt. Aus den Ver- öffentlichungen über Klinische Sozialarbeit lassen sich allerdings folgende elementare klinische Kom- petenzen der Sozialen Arbeit ableiten. Diese sollten bei den Bemühungen um eine zielgruppenüber- greifende und arbeitsfeldübergreifende Systematik zur Kennzeichnung der Behandlungsbeiträge der Sozialen Arbeit berücksichtigt werden. Bei der Auswahl der klinischen Kompetenzen wurde schwerpunktmäßig auf genuine Ansätze der Sozia- len Arbeit zurückgegriffen. Diagnostik und Hilfeplanung In der klinisch-sozialarbeiterischen Diagnostik werden Aspekte der sozialen Sicherung, der sozia- len Unterstützung und der persönlichen För- derung aufgegriffen. Vorhandene Ressourcen und Probleme werden gleichermaßen prozessbeglei- tend berücksichtigt. Entscheidend für das Gelin- gen der Diagnostik und der Interventionen ist die Mitwirkung der Klientel, die v. a. durch eine an- erkennende, wertschätzende und verständigungs- orientierte Arbeitsbeziehung erreicht wird (Hei- ner 2007, 458 f.). Hinsichtlich der sozialen Sicherung spielen Fragen eines ausreichenden Einkommens durch die Er- schließung von Sozialleistungen, die Klärung von Wohnungsfragen einschließlich möglicher Wohn
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