Handbuch 5. Auflage

Klinische Sozialarbeit 879 alternativen bei krankheitsbedingten bleibenden Beeinträchtigungen und Möglichkeiten der beruf- lichen Teilhabe eine wesentliche Rolle. In Bezug auf die soziale Unterstützung werden die formellen Netze wie gesundheitliche, rehabilitative, pflegeri- sche oder soziale Dienste und Einrichtungen be- leuchtet. Hinzu kommt die Analyse der informel- len sozialen Unterstützung durch Familie, Freunde, Nachbarn, Bekannte oder Selbsthilfegruppen. Zur Erfassung eines persönlichen Unterstützungs- bedarfs werden die vorhandenen Möglichkeiten der Krankheitsbewältigung und der lebensprakti- schen Autonomie untersucht. Auf der Grundlage einer zusammenfassenden Be- urteilung, die im Konsens mit den betroffenen Menschen erfolgt, werden Ziele entwickelt, die den klinisch-sozialarbeiterischen Interventionen ihre Richtung geben. Ziele entfalten mit ihren Zu- kunftsvorstellungen eine motivierende Wirkung. In der Hilfeplanung werden Wirkungs-, Teil- und Handlungsziele unterschieden. Wirkungsziele be- schreiben das angestrebte Ergebnis der Interventio- nen, mit Teilzielen werden einzelne Schritte auf diesem Weg zeitlich differenziert, während Hand- lungsziele konkrete Vorgehensweisen und die Auf- gaben der daran beteiligten Personen einschließlich der Klientel benennen (v. Spiegel 2008, 138). Ein Beispiel: Das Wirkungsziel in der Hilfe für einen Tumorpatienten besteht darin, zum Ausgangs- niveau vor Ausbruch der Erkrankung zurück- zukehren. Teilziele sind u. a. die Durchführung ei- ner Anschlussrehabilitation, eine gestufte Rückkehr in den Arbeitsprozess und die Reduzierung familiä- rer Belastungen. Handlungsziele bestehen darin, die Finanzierung der Rehabilitationsmaßnahme zu klären, Familiengespräche zu führen und den Ar- beitgeber in die Planungen einzubeziehen. Interventionen im Bereich der Sozialen Sicherung Eine ausreichende soziale Sicherung in den Berei- chen Einkommen, Wohnen und Arbeit hat für krankheitsbelastete Menschen eine stressreduzie- rende Wirkung. Erst wenn diese existenziellen Pro- bleme gelöst sind, können weitergehende Interven- tionen realisiert werden. Zu den klinisch-sozialarbeiterischen Kompetenzen zählt ein sachverständiger Umgang mit der Sozial- verwaltung. Erforderlich sind Kenntnisse über So- zialleistungen und die sachlichen, örtlichen und instanzlichen Zuständigkeiten (Bossong 2004, 50). Die sozialadministrativen Arbeitsformen sind Vo- raussetzung dafür, einzelfallbezogene Leistungen in komplexen Antragsverfahren zu realisieren und die Klientel angemessen zu informieren. Dabei werden die Vorkenntnisse und die Verstehensmöglichkei- ten der auf Unterstützung angewiesenen Menschen ausdrücklich gewürdigt (Ansen 2008, 63). Inter- ventionen zur sozialen Sicherung im Rahmen der Klinischen Sozialarbeit setzen einen handlungs- fähigen Überblick über das verzweigte System der Sozialleistungen ebenso voraus wie die Fähigkeit, für die Klientel sogenannte Dolmetscherdienste zu übernehmen und antragsbegründende Gutachten zu erstellen. Interventionen zur Förderung der sozialen Unterstützung In der Netzwerkforschung werden primäre Netze, die von Familienangehörigen, Freunden, Bekann- ten, Nachbarn und Kollegen gebildet werden, von sekundären Netzen, die aus formellen Institutionen mit ihren Professionellen bestehen, unterschieden (Bullinger /Nowak 1998, 68 f.). Die gesundheitsfördernde Wirkung primärer sozia- ler Netze ist breit belegt. Soziale Unterstützung manifestiert sich v. a. in praktischer Hilfe, materiel- ler Unterstützung, emotionalem Beistand, kogniti- ven Impulsen und informierenden Hinweisen über Hilfe- und Bewältigungsmöglichkeiten bei beste- henden Problemen. Tragfähige soziale Netze redu- zieren nachweislich die Morbidität und vorzeitige Mortalität. In der Medizinsoziologie werden vier Hypothesen erörtert, welche die positiven Effekte der sozialen Netze erklären. Die Neutralisierungs- hypothese verweist darauf, dass Belastungen abge- federt und die Coping-Strategien intensiviert wer- den; nach der Präventionshypothese werden gesundheitliche Probleme verhindert; die Direkt- hypothese betont den positiven Einfluss auf Ge- sundheit und Krankheitsverlauf; die Bewältigungs- hypothese verweist darauf, dass eingetretene Erkrankungen wirksamer und schneller überwun- den werden (Borgetto /Kälble 2007, 62 f.). Aller- dings ist nicht jedes soziale Netz konstruktiv. Be- ziehungen werden zu einer Belastung, wenn die

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