Handbuch 5. Auflage

88 Heite  Auseinandersetzungen, in denen „wahres Wissen“ (re)produziert und durchgesetzt sowie Positionen markiert werden. Teil dieser Positionsmarkierungen ist der Rekurs auf eine „spezifische professionelle Ethik“. Diese bilde „the soul of professionalism“ (Freidson 2001, 221), mit der sich Professionen als Akteure insze- nieren, die weder bürokratisch-herrschend noch marktförmig-profitorientiert, sondern nach einer „Third Logic“ (221) formiert und dementspre- chend unabhängig und uneigennützig sind. Pro- fessionelle Ethik soll jene Kollektivitäts- statt Herr- schafts- oder Profitorientierung garantieren und ist damit ein wesentliches Argument in der Begrün- dung professioneller Autonomie. Das Legitimati- onsmittel Ethik gilt der Profession selbst ebenso wie der professionsexternen Öffentlichkeit als aus- formuliertes Referenzsystem zur (Selbst)Regulie- rung des auf spezifischen Werten gegründeten pro- fessionellen Handelns und gleichzeitig als System zur Reflexion und diskursiven Weiterentwicklung der zugrunde gelegten Werte. Anerkennungstheo- retisch betrachtet erscheint professionelle Ethik da- gegen ebenso wie Wissen nicht als vorgängiges „Merkmal“ von Professionen, sondern als Macht- mittel, um einen bestimmten Status zu erlangen und zu erhalten: Mit der Behauptung, einer be- sonderen Ethik verpflichtet zu sein, wird die Forde- rung nach Autonomie legitimiert, welche wiede- rum Fremdkontrolle unnötig mache – Ethik autorisiert und Ethik autonomisiert. Mit dieser le- gitimierenden und autorisierenden Wirkung von Ethik begründet die Profession ihren erweiterten Handlungsspielraum qua Herstellung von Ver- trauen in die Profession, die „der Allgemeinheit“ zu dienen behauptet. Ethik und Wissenschaftlich- keit erscheinen in dieser Sichtweise als Machtmittel zur Statussicherung ebenso wie der – insbesondere expertokratiekritisch problematisierten – Kontrolle und Normalisierung der AdressatInnen. Gleich- zeitig jedoch sind sie als wesentliche Spielregeln in den Statusauseinandersetzungen auch für eine kri- tische Soziale Arbeit unverzichtbar: Nur mit ihnen kann Soziale Arbeit eine Sprechposition einneh- men, von der aus sie die Interessen der AdressatIn- nen advokatorisch vertreten kann. Resümee Der gesellschaftstheoretische, moralphilosophische und politisch-analytische Dialog zwischen Axel Honneth und Nancy Fraser über unterschiedliche Konzeptionen des Begriffs Anerkennung, dessen Verhältnissetzung zu Politiken der Umverteilung und mithin dessen Potenzial, soziale Gerechtigkeit neu zu denken, bietet für Theorie und Praxis Sozia- ler Arbeit auf unterschiedlichsten Ebenen Erkennt- nisgewinne und Theorieentwicklungspotenziale. Anerkennungstheoretisch informiert zeichnen sich spezifische Perspektiven auf Soziale Arbeit ab, de- ren Aufgabe als Disziplin und anerkannte Profes- sion unter anderem damit benannt werden kann, die Bedürfnisse der von sozialer Ungleichheit be- troffenen AdressatInnen gegenüber anderen rele- vanten Akteuren zu vertreten und wirkmächtig in die politischen Auseinandersetzungen um die Ge- staltung des Sozialen einzubringen. Auf der Ebene professioneller Interaktionen mit den AdressatIn- nen konkretisiert eine anerkennungsbasierte und statussensible Handlungsorientierung die Unhin- tergehbarkeit der Praxis, vielfältige Veränderungs- möglichkeiten ohne Veränderungs verpflichtung zu eröffnen. Auf der Ebene der Theoriebildung geht es dann darum, genau dies zu begründen. Die Theoriebildung ist zudem bezüglich der Status- positionierung Sozialer Arbeit und der Aneignung und Verteidigung des Status Profession relevant. Sie ist hier unverzichtbar, um analytisch, theorie- bildend und professionell in Ungleichheitsverhält- nisse intervenieren zu können. Wenn die Forde- rung nach Anerkennung als Profession nur in einem Horizont kollektiv geteilter Vorstellungen plausibilisiert und mit Aussicht auf Erfolg auf- gestellt werden kann, dienen professionelle Ethik und professionelles Wissen, Wissenschaftlichkeit, Theoriebildung und eine disziplinäre Kontur der Herstellung jenes gemeinsamen Horizonts. Kritik an u. a. klassen- oder geschlechtsspezifischer Be- nachteiligung erstreckt sich dann auch auf die Aus- einandersetzung um den Status der Sozialen Arbeit selbst ebenso wie auf die Statusposition der Adres- satInnen in und außerhalb der Profession. Aus ei- ner anerkennungstheoretischen Fundierung, die strukturelle Ungleichheitsverhältnisse ebenso ernst nimmt wie subjektive Befindlichkeiten, mag dann das erwachsen, was im Sinne reflexiver Professiona- lität eine skeptische Haltung gegenüber generali-

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