Handbuch 5. Auflage
884 Marquard Menschen unter 18 Jahren sind gesundheitliche Gefährdungen festzustellen. Das Bildungssystem ist stark sozial selektiv und es verlassen rund ein Sechstel der Heranwachsenden mit Migrations- hintergrund die Schule ohne Abschluss. Objek- tive Belege für materielle Armut und Benachtei- ligung – und damit „Hilfsbedürftigkeit“ – einer relevanten Gruppe von Kindern und Jugend- lichen sind also nicht (mehr) zu übersehen. Eine an den Interessen und Bedürfnissen der Nut- zerInnen orientierte Aufgabenstellung Sozialer Dienste bleibt trotz und gerade angesichts einer differenzierten Neudefinition des Staatsziels der Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse gleicherma- ßen an der rechtsstaatlichen Idee der Freiheit, der demokratischen Idee der Gleichheit und der sozial- staatlichen Idee der Gerechtigkeit zugunsten der BürgerInnen und ihrer Selbsthilfechancen aus- zurichten. Perspektivisch ist eine wesentliche kom- munalpolitische Strategie darin zu sehen, Aufgaben und Handlungslogiken der Sozialen Dienste nicht auf die ordnungsgemäße Erbringung sozialstaatli- cher Leistungen zu verkürzen, sondern stärker den Zusammenhang von bürgerschaftlichem Engage- ment und Sozialer Sicherung – im weiteren, all- tagspraktisch-lebensweltlichen Sinne von Kom- munikation, Förderung, Erziehung, Bildung, Betreuung, Pflege usw. – herzustellen. Eine solche (kommunitaristische) Wende zielt auf einen öffent- lichen Diskurs über die (Neu)Verteilung von Rech- ten und Pflichten zwischen Staat, intermediären Organisationen und BürgerInnen mit der Perspek- tive einer Demokratisierung von Sozialpolitik. Dieser Zielsetzung bleiben Prozesse der Neuorga- nisation Sozialer Dienste verpflichtet. Im Rekurs auf die Debatte Ende der 1970er Jahre (vgl. Müller 1980; Mielenz 1981) ist zunächst zu erinnern an ein gewandeltes Funktionsverständnis von „Sozialer Arbeit in der Kommune“. Dabei kann – heute – kommunale Sozialpolitik nicht handlungsorientierend analysiert werden als abge- leitete Politik, die auf zentralstaatliche Aufgaben der Aufrechterhaltung und Sicherung von Pro- duktionsverhältnissen reduziert wäre. Olk /Otto (1981, 100) propagierten bereits früh eine sich neu konstituierende „Sozialarbeitspolitik“, die „unter der Leitidee einer sozialen Kommunalpolitik die unverbunden nebeneinander her bestehenden Teil- politiken auf örtlicher Ebene auf das umfassende Ziel der qualitativen Verbesserung sozialer Chan- cen aller Bevölkerungsgruppen“ verpflichten will. Dieser Bedeutungszuwachs der Kommune als Steuerungsebene geschieht auf der Grundlage, dass immer mehr Funktionen der Sozialpolitik hier realisiert werden sollen, um die Steuerungsdefizite zentralistischer Bürokratien zu kompensieren. Gleichzeitig sieht sich die Soziale Arbeit heraus- gefordert, ihre Problemperspektive auf den gesam- ten Steuerungs- und Leistungszusammenhang in der Kommune zu richten. Bevor eine integrierende, politische Strategie einer solchen Sozialarbeitspolitik begründet wird, soll zu- nächst auf die diversen Konzepte einer kommuna- len Sozialarbeit (im Überblick Bronke 2004, 21 ff.) sowie die damit verbundenen Varianten von De- zentralisierung und Gemeinwesenarbeit hingewie- sen werden. Über die Phasen einer Neuorganisa- tion Sozialer Dienste und die Einführung neuer Steuerungsinstrumente (NSM) hinaus ist dann auf eine Regionalisierungsstrategie zu verweisen. Dies erfolgt auf der Basis kritischer Anmerkungen zur Funktionalisierung einer Sozialraumdebatte und möglicher Perspektiven für eine Sozialraumorien- tierung als fachlichem Arbeitsprinzip und Grund- lage einer Demokratisierung Sozialer Arbeit (Mar- quard 2006). Entwicklungstendenzen der (allgemeinen) Sozialen Dienste im Jugendamt und dessen Funktion insgesamt dienen als ein Praxis- beispiel für aktuelle Strategien einer organisierten Sozialen Arbeit in der Kommune. Diese analyti- schen und konzeptionellen Überlegungen werden abschließend in je einem Abschnitt zu Sozial- arbeitspolitik und zu kommunalen Aushandlungs- prozessen erörtert. Es wird von der optimistischen These ausgegangen, dass neue Impulse für eine partizipativ-demokrati- sche Reformstrategie zumindest auf der kommuna- len Ebene an solidarischen Konzepten der Sub- sidiarität anknüpfen und mit dem Ausbau der lokalen Selbstverwaltung verbunden werden (kön- nen). Demokratie beruht nicht auf Konsens, son- dern auf dem zivilen Umgang mit Dissens. „De- mokratische Rationalität“ (Dewe /Otto 2005) kann hier genutzt werden sowohl für eine öffent- lich-politische als auch für eine fachlich-soziale Praxis. Damit würden emanzipatorische Elemente einer progressiven Sozialarbeit den Weg weisen für eine dialogische Politik (Giddens 1997). Die Un- gewissheiten einer „reflexiven Moderne“ verlangen nach einer entsprechenden Offenheit sozialpäd
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