Handbuch 5. Auflage
Kommunale Sozialarbeit 885 agogischer Konzepte. Denn auch deren Leistungs- fähigkeit und Legitimität muss für die NutzerInnen immer wieder (neu) begründet, praktisch im Alltag erhalten und in der Wirksamkeit (Wiedererlan- gung der Selbstständigkeit) verbessert werden: Dies erfordert eine Stärkung der wissenschaftlich-refle- xiven Kompetenz der Professionellen. Strategien kommunaler Sozialarbeit Olk /Otto (1985, 12) konstatierten in diesem Zu- sammenhang reformpolitische Überlegungen zur Effektivierung institutionell verfasster Sozialpolitik und gleichzeitig die Etablierung von Selbstorgani- sation und Eigenarbeit als „Vorläufer einer anti- institutionalisierten Form der Vergesellschaf- tung“ – und damit nicht nur als persönliche Verarbeitung ökonomischer oder gesellschaftlicher Benachteiligung. Eine solche politische Analyse verweist auf die Bedeutung einer Kommunalisie- rung Sozialer Arbeit und auf „Grundfragen der Handlungsorientierung“, wie sie als „gesellschaftli- che Perspektiven der Sozialarbeit“ bereits seit Ende der 1970er Jahre diskutiert wurden. Anschlussfähig wird eine alte und neu aufgenommene Debatte um „Gemeinwesenarbeit“ (zu ihrer „Geschichte“ vgl. Wendt 1989), die als Orientierung für das Alltags- handeln einhergeht mit einer Renaissance des so- zialen Raums. Die Alltags- und Lebensweltorien- tierung (Thiersch 2000; BMJFFG 1990), die „Einmischungsstrategie“ (Mielenz 1981), strategi- sche Überlegungen zu „Lokale Sozialpolitik und Selbsthilfe“ (Olk /Otto 1985), gemeinwesenorien- tiertes Handeln als Arbeitsprinzip (Oelschlägel 2005) und entsprechende Überlegungen zur „Dienstleistungsorientierung“ (KGSt 1994; 9. Ju- gendbericht 1994) sowie zu einer adäquaten Steue- rung (KGSt 1994) unterstreichen die Perspektive eines solchermaßen ressourcenorientierten Empo- wermentmodells, das wiederum nur im konkreten Sozialraum in einem demokratischen Aushand- lungsprozess realisiert werden kann (umfassende Grundlagendiskussion bei Kessl et al. 2005a). So- ziale Arbeit in der Kommune als regionalisiertes Arbeitskonzept kann in der Kombination persönli- cher und wirtschaftlicher Hilfen am wirksamsten Unerstützungsarrangements unter Berücksichti- gung von Problemen und Ressourcen aller Betei- ligten entwickeln. Hierin liegt die Innovation der Neuorganisation Sozialer Dienste für eine weitere Demokratisierung und Revitalisierung des Ge- meinwesens und die Aktivierung der Bürgergesell- schaft (Bronke 2004, 135 ff.). Eine personenbezogene, soziale Dienstleistungs- arbeit ist nur in Verbindung mit nachhaltigen Stra- tegien der Demokratisierung des öffentlichen und persönlichen Lebens zu realisieren. Mit Bezug auf aktuelle Konzepte zu Zivilgesellschaft, bürger- schaftlichem Engagement und die Konzeption der Subjekte als NutzerInnen ist das Paradigma der Demokratisierung als Kompetenzanforderung in- haltlich zu fokussieren als Sicherung zivilgesellschaftlicher Bürgerrechte in ■ ■ der Lebenswelt, politische Mitgestaltung des wohlfahrtsstaatlichen ■ ■ Sozialleistungssystems, gesellschaftliche Teilhabe und persönliche Betei- ■ ■ ligung an und in den Institutionen und Sozialen Diensten, reflexives, rationalitätsstiftendes Prinzip der Ge- ■ ■ staltung professioneller Standards und damit eben auch als kontrafaktische Prämisse und fachliche Ressource ■ ■ im Handlungsvollzug zwischen NutzerIn und Pro- fessionellen. Neuorganisation Sozialer Dienste Staatliche (Sozial)Politik kümmert sich vor allem um die Sicherung der Reproduktion in den Be- reichen Sozialisation, Gesundheit, Wohnen, Qua- lifikation, subsidiäre Daseinssicherung (Überblick zu Strukturen der Sozialen Dienste und Entwick- lung der Sozialleistungsquote bei Wienand 2006). „Verstaatlichung“ zielt hier auf den Ausgleich des Funktionsverlustes familiärer Sozialisations- und Versorgungspotenzen (Kindergarten, Pflege); Re- Privatisierungsstrategien überantworten die Pro- blembearbeitung wieder der Eigendynamik gesell- schaftlicher Entwicklungen. In Verbindung mit wiederkehrenden ökonomischen Krisen ist auf eine Dezentralisierung sozialpolitischer Kom- petenzen als Erhöhung von (individueller, grup- pen- und quartiersbezogener) Autonomie bei gleichzeitiger Ausweitung sozialer Kontrolle zu verweisen; bei solchen Reformvorschlägen geht es
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