Handbuch 5. Auflage
888 Marquard die Steuerung der fachlichen und finanziellen Res- sourcen in einem Konzept der Regionalisierung (Sozialraumorientierung). Durch die Integration von Fach- und Ressourcenverantwortung bekom- men Controlling in der Sozialen Arbeit, Sozial- und Jugendhilfeplanung und Sozialberichterstat- tung einen Bedeutungszuwachs (Bronke 2004, 51 ff.). Solche Prozesse gehören zur Professionalität in der Sozialen Arbeit und ein Fachcontrolling muss deshalb auch die Evaluation mit der Mit- arbeiterschaft und den NutzerInnen einbeziehen. Sozialraumorientierte Arbeitsweisen und Organi- sationsstrukturen (Regionalisierung) bieten in ihrer integrierten Form mit Aufgaben-, Organisations- und Ressourcenverantwortung vor Ort eine viel bessere Chance für die Gestaltung und Analyse wirksamer Prozesse. Bedingung dafür ist dann al- lerdings auch die Verlagerung der Verantwortung aller Kompetenzen in haushaltsmäßiger, personel- ler und organisatorischer Hinsicht in das Quartier, soweit nicht zwingende Gründe für eine zentrale Wahrnehmung gegeben sind. Raumkonzepte und Aneignung NutzerInnen und Soziale Dienste (inter)agieren real auf der örtlichen Ebene. Chancen und Risiken der Verwaltungsreform sind deshalb auch abhängig vom bürokratischen wie vom alltagspraktischen „Zugriff“ auf den „sozialen Raum“ der Subjekte. Raum ist als relationaler Begriff von konkret physischen wie so- zialen Lokalisierungen und Positionierungen zu konzipieren. Ein Ort wird als sozial bestimmter Handlungskontext aufgefasst und nicht auf seine Materialität reduziert, er bietet unterschiedlichen Individuen unterschiedliche Optionen und vermit- telt differenzierte Regeln zur Aufrechterhaltung so- zialer Praktiken. Dann sind die vielfältigen materiel- len und sozialen Beziehungen der Individuen, die sich im Rahmen einer umfassenden auch technisch unterstützten Mobilität ihre je eigenen „Räume“ selbst suchen, zu respektieren und handlungsleitend aufzunehmen. Sozialraumorientierung wird auch kritisiert als neue politische Strategie zur Realisie- rung eines möglichst hohen öffentlichen Sicher- heitsstandards und zur Verbesserung der Lebens- bedingungen in einzelnen Wohnarealen. Mit einer solchen Engführung als „sozialräumliche Präventi- onsprogramme“ würden aktuelle sozialräumliche Konzepte tatsächlich Gefahr laufen, Marginalisie- rungsprozesse nicht überwinden und Teilhabemög- lichkeiten der BewohnerInnen nicht ermöglichen zu können, sondern sogar räumliche Segregationspro- zesse dezidiert zu fixieren (Löw/Sturm 2005, 31ff. zu „Raumsoziologie“; zu einem raumtheoretisch verankerten Konzept Sozialer Arbeit Kessl /Maurer 2005b, 111ff.). Kritisch zu beachten bleibt – angesichts lebens- praktischer Netzwerke und Mobilitätsstruktu- ren – die Differenz zwischen territorial (geogra- fisch) bestimmten Sozialräumen zu solchen von den Akteuren selbst bestimmten „sozialen Gren- zen“. Damit sich Netzwerke konstituieren können, ist der soziokulturelle Hintergrund ebenso wie die konkrete räumliche Umgebung in professionellen Handlungsstrategien zu berücksichtigen. Nah- raumorientierung ist ein wesentlicher Aspekt der fachlich wie konzeptionell-strategischen Neuaus- richtung Sozialer Arbeit seit den 1980er Jahren. Dabei darf sozialraumorientierte Soziale Arbeit (vgl. im Überblick DV 2007) nicht auf eine Funk- tion im Konzept der Stadtentwicklungsprogramme reduziert werden. Die Analyse der Aneignung von Räumen und der Ausbildung von sozialem Kapital muss die territorialen, geografischen Bindungen der AkteurInnen aufnehmen, Handlungskonzepte müssen zugleich die sozialen Interessen der Sub- jekte als Bezugspunkt haben – und dürfen den So- zialraum nicht auf eine Verwaltungs- oder Versor- gungseinheit reduzieren. Es ist zu prüfen, wie sich die operativen Ansätze einer Sozialraumorientie- rung ihrer manageriellen Inanspruchnahme im Sinne einer Minimierung der öffentlichen Oppor- tunitätskosten und effizienten Steuerung von Mit- teln zur Befriedung sozial benachteiligter Quartiere entziehen können, damit das Paradigma von Betei- ligung und Teilhabe nicht zu einer „Selbstverwal- tung der Not“ degeneriert. Zahlreiche Einwände gegen eindimensional definierte Sozialraumtheo- rien benennen berechtigte Kritikpunkte. Die Ge- fahren des Missbrauchs neuer Strategien der inter- disziplinären und integrativen Kooperation im Feld einer (neuen) Stadt(teil)entwicklungspolitik und einer gemeinwesenbezogenen sozialen Dienst- leistungsarbeit begründen jedoch keine generelle Ablehnung von Sozialraumorientierung als einer wesentlichen Handlungsebene Sozialer Kom- munalpolitik: „Sie bildet kein Zauber-Instrument zum Abbau gesellschaftlich verursachter Ungleich-
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