Handbuch 5. Auflage
898 Hünersdorf ausübendes und zur Selbstführung fähiges Sub- jekt“ (Pieper / Rodriguez 2003, 8), obwohl die Le- bensbedingungen zu über 50% für die Lebens- dauer verantwortlich sind (Marmot 1996, 413; Schrijvers et al. 1999; Stronks et al. 1996). Die bekannten, selbst zu verantwortenden gesundheits- relevanten Verhaltensweisen sind hingegen nur für ca. ein Viertel der Sterblichkeit relevant (Siegrist 1999, 106). Es handelt sich sozusagen um einen Pareto-Effekt, bei dem das Individuum nur mit einem sehr hohen Energieaufwand potenziell ca. 20% des Effekts erreichen kann. Gesundheitsris- kante Verhaltensexzesse können unter diesen Um- ständen auch als Widerstand gegen eine „medikali- sierte“ Vorstellung von Essen, Alkoholkonsum, etc. betrachtet werden (Rose 2005; Sting 1999). Bei Jugendlichen beeinflusst der sozioökonomische Hintergrund das Gesundheitsverhalten, indem die finanzielle Sicherheit die Wahrscheinlichkeit des Gesundheitsverhaltens steigert. Auf das Risikover- halten bezogen kann dieser Zusammenhang nur bei manchen Risikoverhaltensweisen wie z. B. beim Essen, nicht hingegen bei Drogen, Alkohol etc. festgestellt werden (Currie et al. 2008). Deswegen ist gerade bei Jugendlichen die entwicklungsbezo- gene Funktion des Risikoverhaltens zu berück- sichtigen (Sting 1999, 493). Der Jugendliche steht vor der Herausforderung, sich mit den „auffallen- den“ organischen Veränderungen auseinander- zusetzen (Baur /Miethling 1991, 173; Prendergast 1992, 1). Diese kulturelle Transformation des bio- logischen Ereignisses wird insbesondere für Mäd- chen virulent. Wenn Mädchen in dieser Zeit eine höhere, insbesondere psychosoziale Beschwerdelast zeigen (Kolip 1997, 238), während Jungen durch Risikoverhalten zu vermehrter Unfallgefahr tendie- ren, ist dieses als „doing gender“ in der Jugendkul- tur zu verstehen (Kolip 1997, 271). Die Form des Embodiment ist eine diskursive und eine materielle Praktik, die den Körper durch die performative Darstellung im Sinne einer „kulturellen Sexualisie- rung“ (Kelle 2003, 74) materiell prägt. In der Jugendphase gelten das Ausprobieren des eigenen Körpers, Grenzerfahrungen oder die Suche nach Anerkennung durch Extremverhalten als wichtige Bestandteile jugendkultureller Lebensstil- bildung und individueller Selbstbildung (Hom- feldt / Sting 2006, 141). Entgegen der öffentlichen und sozialpolitischen Problematisierung des Risi- koverhaltens wird im Kontext der Sozialen Arbeit darauf hingewiesen, dass bei wenigen Jugendlichen das auf Gesundheit bezogene Extremverhalten aus langfristiger Perspektive problematisch ist (Currie et al. 2008). Nur wenn kritische Lebensereignisse den Lebenslauf bestimmt haben (Kolip 1997, 265), besteht die Gefahr, dass riskantes Gesundheitsver- halten in der Jugend zur Konditionierung der Kör- perkarriere als Krankheitskarriere beiträgt. Der sich riskant verhaltene Jugendliche macht etwas aus der Erfahrung des riskierten Körpers und der riskierte Körper macht aber auch etwas mit ihm. Das Lei- den ist als Schnittpunkt in der Genese der Wand- lungen lokalisierbar (v. Weizäcker 1986, 184 f.). Durch biografische Reflexion werden in der Sozia- len Arbeit die doppelte Gegebenheit des Kör- pers – als objektiver Körper und als gelebter Kör- per – zur Kenntnis genommen und dieWiderstände gegenüber den an den Körper gerichteten gesund- heitsbezogenen Erwartungen thematisiert. Krank- heit und gesundheitsriskantes Verhalten werden im Hinblick auf die ihr zugrunde liegenden Gestal- tungskräfte unter Berücksichtigung der strukturel- len und lebensweltbezogenen Rahmenbedingun- gen und den damit einhergehenden Möglichkeiten und Beschränkungen in den Blick genommen (Sting 1999; Hünersdorf 2002, 243). Der gesellschaftlich erwartete Umgang mit Risiko- verhaltensweisen strukturiert nicht nur das Selbst- verhältnis als Disziplinierung, sondern auch das Verhältnis zum anderen. Der in den Medien zu Recht geführte Diskurs über (physische) Gewalt in Generationen- und Geschlechterverhältnissen för- dert diese Entwicklung. Angesichts der Häufigkeit von Gewalterfahrungen in Familien (5–34% der Mädchen und 2–11% der Jungen werden sexuell ausgebeutet und 5–15% der Kinder werden massiv körperlich misshandelt (Seith 2009)) werden die Grenzen der privaten Sorge deutlicher gesehen, sodass öffentliche Erziehung gefordert ist (Rose 2005). In der öffentlichen Erziehung wird vor dem Hintergrund der hohen Wahrscheinlichkeit der Reinszenierung der sexuellen Gewalterfahrung (Conen 2004, 11) gefordert, dass eine sexuelle Ausbeutung der Kinder und Jugendlichen verhin- dert werden muss. Dabei besteht eine gewisse Am- bivalenz: Einerseits wird Berührung als etwas für die kindliche Entwicklung Bedeutsames wahr- genommen (Piper / Stronach 2008, 1 ff.). Anderer- seits gilt es als riskant, Kinder zu berühren. Die Gefahr sexueller Ausbeutung trägt in der öffent-
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