Handbuch 5. Auflage
Körper – Leib – Soziale Arbeit 899 lichen Erziehung potenziell dazu bei, dass Erwach- sene sich von Kindern distanzieren und sich einer ständigen Kontrolle unterwerfen. Damit geht ein- her, dass die Bedürfnisse der Kinder, berührt zu werden, potenziell nicht erfüllt werden. Die Ein- führung von Richtlinien wie „man“ sich zu ver- halten hat, ist dabei wenig hilfreich. „Any attempt to legislate in advance for what will and will not count as ‚moral‘ conduct undercuts the interpre- tive procedures that people use to ,read off‘ morals and intentions from behaviour. Touch policing disables the socio-cultural ressources that people would otherwise have mobilised in order to deal with these issues on a case-by-case basis“. (146) Problematisch ist es, Berührung zu unterbinden und sich auf ein Risikomanagement einzulassen, welches das eigene persönliche Risiko, schuldig zu sein, durch Einhaltung von Standards zu minimie- ren versucht. Vielmehr sollte der leib-situative Kontext herangezogen werden, der erkennen lässt, ob jemand übergriffig gewesen ist oder nicht. Körperkarrieren Körper / Leib spielt im Kontext des Lebenslaufs eine zentrale Rolle. In seiner organischen Entwick- lung ist der Körper jedem in „gewisse[m] Grad ‚auferlegt‘“ (Baur /Miethling 1991, 171). Organi- sche Reifungs- und Alterungsprozesse sind gege- ben. Das körperliche Erscheinungsbild ist nicht beliebig manipulierbar. Dennoch kann festgestellt werden, dass auch die biogenetische Prädisposition durchaus von gesellschaftlichen Entwicklungen und institutionellen Erwartungen abhängig ist. So ist der Alterungsprozess durch die Veränderung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse sowie durch die medizinischen Möglichkeiten einerseits deutlich nach hinten versetzt worden. Andererseits tritt die Menarche bei den Mädchen immer früher ein (Fend 1995, 5). In dem Moment, in dem körperliche Alterungs- prozesse in Erscheinung treten, können diese im Umgang mit dem Körper auf unterschiedliche Weise „realisiert“ werden (Baur /Miethling 1991, 165). Die dabei entstehende Körperkarriere ist weder eine rein soziale noch eine individuelle Kon- struktion. „Der Habitus produziert als Produkt der Geschichte individuelle und kollektive Praktiken, also Geschichte von den von der Geschichte er- zeugten Schemata; er gewährleistet die aktive Prä- senz früherer Erfahrungen“ (Bourdieu 1993, 101). Der Habitus ist in einem sozialen Feld situiert und durch dieses begrenzt. Der Habitus determiniert nicht, schränkt aber Freiheit durch Konditionie- rung ein. Es besteht zwar die Möglichkeit, habituell vorstrukturierte Schemata zu erweitern, aber diese bilden dennoch einen Rahmen, der nicht grund- sätzlich infrage gestellt werden kann. Altersunterschiede werden bei den Kindern nicht vorausgesetzt und entsprechend zugeschrieben, son- dern erst interaktiv bzw. diskursiv hergestellt. Kinder stellen Altersunterschiede interaktiv her, indem Äl- tere die Schutzbedürftigkeit der jüngeren Kinder an- erkennen, diese sich aber gegenüber den Älteren ehrfürchtig zeigen müssen (Kelle 1997, 161). Wer- den entsprechende Verhaltensregeln nicht eingehal- ten, ist mit moralischer Empörung zu rechnen. Da- durch werden Altersunterschiede normativ aufgeladen und Maßstäbe für die Altersangemessen- heit von Selbstdarstellungen entwickelt. Darüber hinaus wird im institutionellen Kontext auf der diskursiven Ebene die „Altersstaffelung als Entwicklungsaufgabe begriffen“ (163), indem be- stimmte Privilegien den Älteren zugeschrieben werden, die für die Jüngeren als anstrebenswert gelten. Dadurch entsteht eine Idealisierung der höheren Klassen, welche durch die Institutionen des Kindergartens und der Schule mittels der Zu- teilung von Privilegien belohnt werden. Es werden also Anreize für Kinder geschaffen, sich weiter- zuentwickeln, um zu den Größeren gehören zu wollen, sodass sich ein komplexes Generationen- verhältnis reproduziert. Diese Anreize werden in der Peerculture modelliert. „Im Verlauf des Aufwachsens und vor allem am Ende der Kindheit und der beginnenden Adoleszenz [können] die gesellschaftlichen und kulturellen Codes, die dem Lebensalter angemessen zu sein scheinen, verhältnismäßig schnell abwechseln“ (Ter- vooren 2006, 211). Durch Kleidung, Schminke, aber auch durch Bewegungen und die Auswahl von Personen und Räumen können Kinder sich zu männlich oder weiblich wirkenden Jugendlichen stilisieren und zugleich ihre Position im sozialen Feld bestimmen. Kinder und Jugendliche nehmen die Körperstilisierung untereinander wahr und üben durch „Spiele“ und Rituale das ein, woran sie sich
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