Handbuch 5. Auflage

900 Hünersdorf  orientieren, um zu dem zu werden, der/die sie sein möchten (Tervooren 2006). Während sich bei Kin- dern dies meist in Fantasien abspielt und als Schau- spiel getrennt vom Alltagsleben erkennbar ist, ver- schwindet bei Jugendlichen die Diskrepanz zwischen dem, was ist und dem, wie es sein soll. Denn durch die körperbezogene ästhetische Jugendkultur (Froh- mann 2003) wird der Alltag selbst zunehmend als Schaubühne wahrgenommen, auf welcher experi- mentiert wird. Die inkorporierte Praxis sozialer Er- wartungen wird verflüssigt und der Leib wird „als generatives Prinzip sozialen Eigensinns“ (Hanses 2003, 30) sichtbar. Diesem kommt eine besondere Rolle als Ausgangspunkt der Neu- und Umstruktu- rierung zu (Jäger 2004). Die empirische Fundierung des sozialpädagogischen professionellen Handelns Während die ethnografischen Untersuchungen in der Kindheitsforschung das „doing gender“, das „doing generation“ etc. in den Blick nehmen und je nach Perspektive stärker die Re produktion von Kultur oder die Re produktion von Strukturen beto- nen, werden z. B. in der Sozialpädagogik die per- formativen Praktiken professionellen Handelns von Sozialpädagog(inn)en in der Jugendarbeit un- tersucht. Ausgangspunkt ist die sozialpädagogische Arena als Handlungsraum, der performativ her- gestellt wird (Müller et al. 2005, 6; Cloos et al. 2007). „Es ist ein offener Raum, in dem performa- tiv festgelegt wird, nach welchen Regeln dieser auf- geführt wird“ (Müller et al. 2005, 6). Dabei spielen Fragen nach Zugehörigkeit eine zentrale Rolle. Sozialpädagog(inn)en müssen sich vor diesem Hin- tergrund einerseits ihrem Publikum, d. h. den Ju- gendlichen, ähneln, andererseits aber auch eine gewisse Distanz bewahren. Durch die ethnogra- fischen Forschungen wird gezeigt, wie diese para- doxe Handlungsaufforderung von den Sozialpäd­ agog(inn)en durch körperliche Gestik und Mimik und sprachliche Äußerungen in den Arbeitsbezie- hungen gestaltet wird. „Mit den hiermit verbunde- nen ethnographischen Aufschlüssen der performa- tiven pädagogischen Vollzüge werden zeitliche, räumliche, materielle und personelle Spielräume sichtbar, die nicht unmittelbar mit den gewünsch- ten pädagogischen Intentionen kompatibel er- scheinen“ (Wulf / Zirfas 2007, 11). Literatur Baur, J., Miethling, W.D. (1991): Die Körperkarriere im Le- benslauf. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und So- zialisation (ZSE) 11, 165–188 Biebricher, T. (2005): Selbstkritik der Moderne. Foucault und Habermas im Vergleich. Campus, Frankfurt/M. Boehm, R. (1966): Vorrede des Übersetzers. In: Merleau- Ponty, V–XX Bourdieu, P. (1993): Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt/M. Cloos, P., Köngeter, S., Müller, B., Thole, W. (2007): Die Pädagogik der Kinder- und Jungenarbeit. VS, Wiesbaden Conen, M.-L. (2004): Sexueller Mißbrauch durch Mitarbei- terInnen in sozialpädagogischen Einrichtungen. Jugend- hilfe 42, 11–22 Currie, C., Nic Gabhainn, S., Godeau, E., Roberts, C., Smith, R., Currie, D., Pickett, W., Richter, M., Morgan, A., Bar- nekow Rasmussen, V. (Hrsg.) (2008): Inequalities in Young People’s Health. Health Behaviour in School-Aged Chil- dren (HBSC). International Report from the 2005/2006 Survey. WHO Regional Office Europe, Kopenhagen Dollinger, B. (2006): Salutogenese. Macht über die eigene Gesundheit? In: Dollinger, B., Raithel, J.(Hrsg.): Aktivie- rende Sozialpädagogik. Ein kritisches Glossar. VS, Wiesba- den, 173–190 Elias, N. (1995): Über den Prozeß der Zivilisation. Sozioge- netische und psychogenetische Untersuchungen. Bd. 1: Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschich- ten des Abendlandes. Suhrkamp, Frankfurt/M. Fend, H. (1995): Jugend – Risikoentwicklungen und päd- agogische Handlungsmöglichkeiten. Berichte des Fachbe- reichs I, Pädagogische Psychologie. Zürich. In: common- web.unifr.ch/artsdean/pub/gestens/f/as/files/4655/ 12539_130346.pdf, 21.10.2009 Foucault, M. (1980): Power/Knowledge: Selected Interviews and Other Writings, 1972–1977. Hrsg. v. C. Gordon. Pantheon, New York Frankenberg, R. (1990): Review Article „Disease, Literature and the Body in the Era of AIDS – a Preliminary Explora- tion“. Sociology of Health and Illness 12, 351–360 Frehsee, D. (2001): Korrumpierung der Jugendarbeit durch Kriminalprävention. Prävention als Leitprinzip der Si- cherheitsgesellschaft. In: Freund, T., Lindner, W. (Hrsg.), 51–67 Freund, T., Lindner, W. (Hrsg.) (2001): Prävention. Leske+ Budrich, Opladen

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