Handbuch 5. Auflage

Kulturelle Bildung 915 Handbuch Pädagogische Grundbegriffe führt Dieter Lenzen (1989, Bd. 1) Kulturpädagogik als Fachrichtung der Erziehungswissenschaft (neben etwa Freizeit-, Medien- oder Umweltpädagogik) auf. Geht man davon aus, dass (Allgemeine) Kulturpäd­ agogik quasi eine Sammelbezeichnung für (spe- zielle) Kulturpädagogiken (wie Theater-, Tanz- etc. -pädagogik) und demzufolge „kulturelle Bildung“ ein Oberbegriff für die spartenbezogenen Bildungs- begriffe ist, stellt sich die Frage, ob es eine eigen- ständige Begründungsmöglichkeit für ein derarti- ges Konzept von kultureller Bildung gibt. Das Grundproblem bei dem Versuch einer syste- matischen Herangehensweise an den Begriff der „kulturellen Bildung“ besteht drin, dass er zwei der komplexesten Begriffe der deutschen Sprache zu- sammenfasst, die zudem über weite Strecken die- selbe Geschichte haben und synonym verwendet wurden (Bollenbeck 1994). Bei der Vielzahl von Kulturbegriffen (Fuchs 2008a) ist es hilfreich, die Komplexität so zu reduzieren, dass man fünf Typen von Kulturbegriffen unterscheidet: einen anthro- pologischen Kulturbegriff (Kultur als das vom Menschen Gemachte), einen ethnologischen Kul- turbegriff (Kultur als Art und Weise, wie der Mensch lebt und arbeitet), einen soziologischen Kulturbegriff (Kultur als spezifisches Subsystem und / oder als die symbolisch vermittelte Dimen- sion der gesellschaftlichen Werte), einen „emphati- schen“ (normativen) Kulturbegriff, der das Ziel der Selbstbefreiung des Menschen formuliert, und den nach wie vor vorzufindenden engen Kulturbegriff (Kultur als Kunst). So vorbereitet ließe sich eine „Theorie“ skizzieren wie folgt: Ein erster (anthropologischer) Schritt geht zurück zu den Ursprüngen der Menschwerdung (Fuchs 1998b). Helmut Plessner (1976) ist als Biologe und Philosoph mit seiner Anthropologie eine ge- eignete Bezugsperson. Das Geheimnis der Menschwerdung ist bei ihm wesentlich in der „exzentrischen Positionalität“ begründet: Der Mensch ist ab einem gewissen Entwicklungssta- dium in der Lage, aus der Selbstverständlichkeit seines Lebens, „aus seiner Mitte“ herauszutreten und sich selbst aus dieser exzentrischen Position heraus zum Gegenstand von Betrachtungen zu machen. Reflexivität als äußerst leistungsfähige Zugangsweise zu sich selbst im Kontext seiner Lebensbedingungen wird somit möglich. Be- wusstheit entsteht und somit die Möglichkeit, ein selbstgestaltetes Leben zu führen. Diese neu ge- wonnene „Freiheit“ von instinktgesteuerten Le- bensprozessen wird allerdings zur Pflicht. Mensch- liches Leben als bewusstes Verhältnis zu sich, seiner Umwelt, seiner Zukunft und Vergangenheit wird im komplementären Verhältnis von Welt- und Selbstgestaltung erkennbar. Offensichtlich ist mit dieser Formulierung eine klassische Definition von „Bildung“ gegeben. Die Rede von „Bildung als Lebenskompetenz“ (Münchmeier et al. 2002) ist nichts anderes als das Weiterdenken eines anthro- pologischen Grundtatbestands. In diesem bewussten Überlebensprozess entwickeln sich im Menschen unterschiedliche „Energien des Geistes“, um die Welt (und sich selbst) zu erfassen. Ernst Cassirer (1990) nennt die so entstandenen Weltzugangsweisen „symbolische Formen“, und er gibt gleich einen ganzen Katalog solcher Werk- zeuge bzw. Medien an: Sprache, Mythos und Reli- gion, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, Poli- tik und nicht zuletzt die Kunst. Die Gesamtheit dieser symbolischen Formen nennt er „Kultur“. Ist Bildung gelebte Lebensbewältigung – im Sinne Cassirers: mit dem Ziel einer wachsenden Selbst- befreiung des Menschen –, dann ist dies nur über einen souveränen Umgang mit diesen symboli- schen Formen möglich. Auf dieser allgemeinen Ebene ist damit ein Kanon der Lebensbewältigung formuliert, ist die Unter- stützung, die der Mensch zu dessen Aneignung braucht, „Kulturpädagogik“ in einem weiten Sinn. Kulturpädagogik im heutigen (engeren) Sinne greift allerdings nur einzelne symbolische Formen (Sprache, Kunst) heraus. Ein zweiter Schritt führt in die Gegenwart entwi- ckelter moderner Gesellschaften: Wie ist selbstge- steuertes Leben unter heutigen Bedingungen mög- lich, welche Unterstützungsleistungen braucht der Mensch, um dieses zu realisieren, und worin be- steht der Beitrag der Kulturpädagogik? Leben in der modernen Gesellschaft ist Leben in einer Klas- sengesellschaft, und hat es daher mit ungleichen Chancen zu tun, hat es damit zu tun, dass subtile Mechanismen den Einzelnen im sozialen Raum so verorten, dass er die dahinterstehenden Macht- strategien der Unterdrückung überhaupt nicht mehr wahrnimmt? Ein wichtiges Mittel einer sol- chen „Gewalt“ ist die ästhetische Praxis, so Pierre Bourdieu (1987).

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