Handbuch 5. Auflage

916 Fuchs  Kulturpädagogik, die „kulturelle Bildung für alle“ zum Ziele hat, hätte in dieser soziologischen Theo- rie angesichts des ehernen Gesetzes des Strukturer- halts der Gesellschaft gerade durch Kunst und Kultur wenig Chancen. Allerdings setzt der Politi- ker und Pädagoge Bourdieu – durchaus in einem Gegensatz zu dem Soziologen Bourdieu – auf die verändernde Kraft der Bildung. Es gilt, die struk- turkonservative Kraft ästhetischer Sozialisations- prozesse zu brechen: durch Vermittlung ästheti- scher Codes alsTeil der Gewinnung von kulturellem Kapital. Eine solche („Kultur-“)Pädagogik wird zu einer mächtigen Kraft der Emanzipation, indem sie Sou- veränität im Umgang mit dem wichtigsten Werk- zeug der Machterhaltungsstrategie, der alltäglichen ästhetischen Praxis, vermittelt (Liebau 1986). Die Kulturpädagogik (im heutigen, eingeengten Sinne) kann bei aller Notwendigkeit ihrer Be- grenzung die weite Perspektive einbeziehen, die der humanistische Kulturbegriff verlangt. Ihre spezifischen Weltzugangsweisen, insbesondere die Künste, nehmen stets das Ganze in den Blick, freilich – wie Cassirer es sagt – unter einem spezi- fischen Brechungswinkel. Das derart entstehende ästhetische Selbst- und Weltverhältnis kann durch kein anderes ersetzt werden, gehört zur Vollstän- digkeit des Lebens, kann aber wiederum keine andere Weltzugangsweise – etwa die der Wissen- schaften – ersetzen. Eine derartige Kulturpädagogik braucht daher den anthropologischen und den soziologischen Kultur- begriff nicht zu scheuen. Allerdings ergibt sich hieraus eine Verpflichtung: Nämlich Verengungen, wie sie im Kulturbereich und speziell in der Musi- schen Bildung mit z.T. verheerenden politischen Folgen stattgefunden haben, zu vermeiden (Lepe- nies 2006). „Bildung“ als individuelle Disposition, sein Leben entsprechend der „Auftragstellung“ der Anthropogenese bewusst zu führen, wird so als komplementärer Begriff zu „Kultur“ verstehbar. „Kulturelle Bildung“ ist zwar – philologisch be- trachtet – eine wenig gelungene Wortschöpfung, weil sie letztlich nur eine Verdopplung desselben Tatbestandes ist: Sowohl als Theorie – als auch als Praxisfeld ist der Begriff und sein Umgang jedoch ausgesprochen lebendig. Vor diesem theoretischen Grundgerüst werden weitere, für die heutige kultu- relle Bildungsarbeit wichtige Prinzipien verständ- lich: Kulturelle Bildung ist Selbstbildung. ■ ■ Kulturelle Bildung ist nur zu vertreten als Bildung ■ ■ für alle. Kulturelle Bildung versteht sich als ganzheitliche ■ ■ Bildung, die alle Dimensionen der Persönlichkeit einbezieht. Kulturelle Bildungsarbeit setzt an den Stärken der ■ ■ Menschen an. Diese bildungstheoretische Perspektive hat Folgen für das in der kulturellen Bildungsarbeit verwen- dete Konzept von Kunst. Auch in Hinblick auf die Künste muss man mit einer Vielzahl von Theorien und Konzepten rechnen (Barck et al. 2000). Die unterschiedlichen Kunstauffassungen führen zu einem jeweils unterschiedlichen pädagogischen Konzept. Man kann sich leicht vorstellen, dass Po- sitionen einer rigiden Kunstautonomie sich schwe- rer mit der Akzeptanz einer pädagogischen Wirk- samkeit der Künste tun als Auffassungen, die an einem Sozialbezug der Künste deren Kunstcharak- ter festmachen. Dass es in der Geschichte der Künste erhebliche Hoffnungen in ihre humanisie- rende Kraft gegeben hat, diskutiert kritisch Ehren- speck (1998). Für die Zwecke der kulturellen Bil- dungsarbeit dürfte die Auffassung der Ästhetikerin (Gethmann-Siefert 1995) tragfähig sein, die die „kulturelle Aufgabe der Kunst […] im Bereich der Humanisierung der Natur […] zum Zweck der Einrichtung des Menschen in einer […] ihm ge- mäßen Welt“ sieht (268). Orte und Angebote kultureller Bildung Kulturelle Bildung kann sich in jedem Lebensalter entwickeln. Sie entwickelt sich formal, non-formal und informell. Angebote gibt es dabei von Einrich- tungen in öffentlicher Trägerschaft, freien und ge- meinnützigen und von kommerziellen Trägern. Es gibt Trägerbereiche, die auf kulturelle Bildung spe- zialisiert sind. Kulturelle Bildungsangebote finden jedoch auch quer durch alle Trägerbereiche statt. Kulturelle Bildungsangebote finden zudem in un- terschiedlichen Politikfeldern (z. B. Kultur-, Ju- gend-, Schul- etc. -politik) statt. Berufsgruppen in der kulturellen Bildungsarbeit sind ebenfalls heterogen: KünstlerInnen aller Spar- ten, PädagogInnen, insbesondere LehrerInnen,

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