Handbuch 5. Auflage

918 Fuchs  zu betrachten. Zu all diesen Kategorien gibt es gute Beispiele dafür, dass Angebote kultureller Bildung mit Erfolg eingesetzt werden können. Fachliche und politische Perspektiven Der vorliegende Text geht davon aus, dass zurzeit im Bereich der kulturellen Bildung in nahezu allen Einsatzfeldern eine dynamische Entwicklung, z.T. sogar ein struktureller Wandel stattfindet. Etwas pauschal geht es bei der behaupteten dynamischen Entwicklung bei den Kindern und Jugendlichen um einen strukturellen Wandel, bei den Erwachse- nen geht es um Bestandssicherung und bei der Gruppe der Älteren geht es um Wachstum. Alle Entwicklungsdynamiken haben dabei eine theo- retisch-wissenschaftliche, eine konzeptionelle und praktische und eine politische Dimension. Im Fol- genden soll dies in Hinblick auf die kulturelle Kin- der- und Jugendbildung konkretisiert werden, da die Entwicklung hier am komplexesten ist. Wie die erste UNESCO-Weltkonferenz zur kultu- rellen Bildung im Jahre 2006 in Lissabon gezeigt hat, führt PISA weltweit zu Marginalisierungsten- denzen in der kulturellen Bildung (Bamford 2006). Neben einer politisch gewollten Favorisierung der drei PISA-Fächer hängt dies auch damit zusam- men, dass bei aller Kritik, die an der Methodologie von PISA inzwischen geübt wird, mit dieser Flä- chenevaluation Standards bei der Überprüfung der Wirksamkeit von Pädagogik gesetzt werden, die nur in wenigen Arbeitsfeldern erreicht wird. Ein Schwerpunkt der fachlichen und politischen De- batten der nächsten Jahre wird daher die (Über- prüfung der) Wirksamkeit kultureller Angebote sein. Politisch ist dieses Problem bedeutsam, da es in der politischen Legitimation eine entscheidende Rolle spielt. Fachlich ist es bedeutsam, weil damit sowohl Fragen der Qualifizierung der Fachkräfte (und damit der Aus- und Fortbildungsbereich und berufspolitische Erwägungen) als auch Fragen einer kulturpädagogischen Grundlagenforschung an- gesprochen sind. Den ersten großen Schub bei der Frage nach der Wirksamkeit ergab sich im Zuge der Einführung des Neuen Steuerungsmodells in der öffentlichen Verwaltung, das sehr früh bei Kultureinrichtungen angewandt und später auch in der Jugendhilfe dis- kutiert wurde (Bundesvereinigung Kulturelle Ju- gendbildung 1996). Ein Aspekt dieses neuen Ver- waltungsparadigmas war Evaluation. Diese bezog sich in einem weiten Verständnis sowohl auf Wir- kungen einer künstlerisch-ästhetischen Praxis auf einzelne Jugendliche, sie bezog sich auf Einrich- tungen und auf ganze Politikfelder und Förderpro- gramme. In Hinblick auf die Wirksamkeit einer spezifischen kulturpädagogischen Arbeitsform, der Musik, waren die so genannten Bastian-Studien von Bedeutung (Bastian 2000). „Mozart macht schlau“ war das stark popularisierte Ergebnis. Mitt- lerweile ist das Evaluationsthema auch von großem internationalem Interesse. Ein zweites Problemfeld ist die Erfassung von per- sönlichen Entwicklungen bei einzelnen Jugend- lichen während eines Kulturprojektes. Hier ist – auch international – der Kompetenznachweis Kultur der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung ein anerkanntes Beispiel (www. kompetenznachweiskultur.de ). Dieser Kompetenz- nachweis ist ein Bildungspass im Rahmen eines Portfolio-Ansatzes. Es geht um eine gemeinsam mit den Jugendlichen durchgeführte, methodisch gesteuerte Reflexion über Entwicklungsfortschritte, die von entsprechend qualifizierten Fachkräften durchgeführt wird. Dieses Instrument ist inzwi- schen mehrfach positiv fremdevaluiert und in ab- gewandelter Form auch auf den internationalen Jugendaustausch übertragen worden. Erfasst wer- den – neben Fortschritten im Bereich der entspre- chenden künstlerischen Kompetenzen – vor allem Schlüsselkompetenzen. Entstanden ist dieser An- satz parallel zu einem umfassenden OECD-Projekt „Selection and Description of Key-Competences“ (Rychen / Salganik 2001). Inzwischen wird das In- strument zunehmend auch an Schulen eingesetzt, vor allem bei der Qualifizierung von LehrerInnen. Ein Feld, das besonderer Forschungen bedarf, ist die Klärung möglicher Wirkungen. Yvonne Ehren- speck (1998) hat sich kritisch mit allzu vollmundi- gen Wirkungszuschreibungen eines Umgangs mit Kunst und Kultur auseinandergesetzt. In einer Studie aus dem Jahre 1995 (Fuchs / Liebald 1995) konnten seinerzeit 90 (weitgehend unbelegte) Wir- kungsbehauptungen zusammengestellt werden. In- zwischen gibt es einzelne Forschungen in diesem Bereich. Allerdings werden in der Praxis (und im politischen Legitimationsgeschäft) oft undifferen- zierte und pauschale Wirkungsbehauptungen auf-

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