Handbuch 5. Auflage

Kulturtheorien 923 denen Kultur zur Ware degeneriert. Die inhärente Logik dieser kritischen Kulturtheorie folgt einer Dichotomisierung in eine ästhetisch-emanzipatori- sche Hochkultur und eine verdinglichend-stan- dardisierende Massenkultur. Mit Talcott Parsons strukturfunktionalistischem Gesellschaftsmodell, das Kultur, verstanden als ein funktionales Teilsys- tem, eine normative Steuerungskompetenz über die gesellschaftliche Praxis zuspricht, geht der diffe- renzierungstheoretische Kulturbegriff nahezu in sämtliche Gesellschaftsanalysen ein. Zum einen er- öffnet der differenzierungstheoretische Kulturbegriff den gesellschaftskritischen Diskurs um die Effekte der Massenkultur und um die Zusammenhänge von Kultur- und Herrschaftsformen. Zum anderen festigt er den Abstand zwischen bürgerlich-elitären kulturellen Kapitalformen und den profanen als nicht-kultiviert eingestuften Alltagspraxen. Für den Kontext der Sozialen Arbeit forciert diese Ein- engung auf Hochkultur oder ein funktionales Teil- system eine Marginalisierung kultureller Aspekte in Theorie und Praxis auf zweierlei Weise: 1. Die AdressatInnen Sozialer Arbeit verkörpern explizit das kulturferne und -defizitäre Milieu, denen der Zugang zur Hochkultur verschlossen ist. 2. Kultur- arbeit und -bildung erhalten entsprechend im In- terventionsrepertoire der Sozialen Arbeit einen nachrangigen Status, dem alltagssichernde, -stabili- sierende, „profane“ Maßnahmen immer voraus- zugehen haben oder die als Bildungsprivileg einem exklusiven sozialen Klientel vorbehalten sind (Treptow 2005, 1115). Dies spiegelt sich in der (Fach)Hochschulausbildung wider, die Kultur- arbeit auf die Kompetenz in ästhetisch-künstleri- schen Fertigkeiten reduziert (Thole 2005, 1107). Mit der postmodernen Entgrenzung der Künste und der damit einhergehenden Re-Definition von Ästhetisierung als umfassende Ästhetisierung all- täglicher Lebensstile und Konsumkulturen wird jedoch die differenzierungstheoretische Grenzzie- hung wieder zunehmend verlassen und nähert sich dem bedeutungs- und wissensorientierten Kul- turbegriff . Dieser entfernt sich wiederum von der normativ-hierarchisierenden Sichtweise, gewinnt eine holistische Perspektive zurück und hebt die grundlegende sozial eingebettete Sinnkonstitu- tion des Kulturellen hervor: „Kultur erscheint vielmehr nun als jener Komplex von Sinnsyste- men oder […] von ‚symbolischen Ordnungen‘, mit denen sich die Handelnden ihre Wirklichkeit als bedeutungsvoll erschaffen und die in Form von Wissensordnungen ihr Handeln ermögli- chen“ (Reckwitz 2006, 84 f.). Die bedeutungs- und wissensorientierte Perspektive ist in ihren Grund- zügen symbolorientiert und baut entscheidend auf Ernst Cassirers Kulturdefinition auf, in der Kultur als symbolische Ordnung begriffen wird, die der Mensch als „animal symbolicum“ in ver- stehender Aneignung und bildender Gestaltung sinnzuweisend und bedeutungsstiftend mitkon- stituiert. Weitere Impulse liefern vier bedeutsame philosophische Denkrichtungen des letzten Jahr- hunderts: die phänomenologisch-hermeneutische, die semiotisch-strukturalistische, die pragmati- sche und die wittgensteinsche Sprachphilosophie, wobei sich der phänomenologisch-hermeneuti- sche und der strukturalistische Strang als beson- ders einflussreich für die Ausdifferenzierung sozi- alwissenschaftlicher Kulturtheorien zeigen. Ohne unbedingt explizit Kultur als Erkenntnisgegen- stand zu proklamieren, weisen sie trotz aller Un- terschiede in die gemeinsame Richtung einer Neuorientierung auf Symbole, Sprache und Zei- chen (Reckwitz 2006, 39) und einer damit ein- hergehenden Neubewertung der sinnkonstituie- renden Prozesse von Symbolisierung, Diskursivität und Repräsentation (Bachmann-Medick 2006, 13). Der bedeutungs- und wissensorientierte Kul- turbegriff bildet die Grundlage des in den 1960er und 1970er Jahren einsetzenden Cultural Turns und der sich daraus entwickelnden Studies . (Cultural) Turns: Leittheorien, -kategorien und -instrumente Der sog. Cultural Turn tritt im Schlepptau des Linguistic Turns auf und markiert eine Wende, die sich quer durch alle Disziplinen der Geistes-, So- zial- und Humanwissenschaften zieht und eine grundsätzliche Umorientierung auf Kultur anstößt (Bachmann-Medick 2006, 7). Dabei bilden die beteiligten Kulturtheorien keineswegs lineare Se- quenzen eines einheitlichen Theoriefortschritts oder einheitlichen Paradigmenwechsels aus. Bes- tenfalls handelt es sich um vielschichtige Prozesse der „Theorietransformation“ (Reckwitz 2006) in- nerhalb und außerhalb des sich dabei konzeptuell verschiebenden und zunehmend entgrenzenden kulturtheoretischen Feldes. Im Zuge dessen

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