Handbuch 5. Auflage

924 Klein  werden kulturwissenschaftliche Wahrnehmungs- einstellungen, Analyseinstrumente, Kategorien, Vokabular und Konzepte in die Leitvorstellungen anderer Disziplinen „übersetzt“ (Bachmann-Me- dick 2006, 18 f.). Die Folge ist eine expandierende kulturwissenschaftlich geprägte Perspektivierung von Frage-, Analyse- und Theoriehorizonten in verschiedensten Fächern. Der Cultural Turn setzt sich aus wechselnden „Unterturns“ zusammen, die richtungsweisende transdisziplinäre „Wenden“ in die Wege leiten. Kennzeichen solcher Wenden ist der „qualitative Sprung“ von lediglich be- schreibenden zu operativen Begriffen: „wenn der Forschungsfokus nicht mehr nur neue Erkennt- nis objekte ausweist, sondern selbst zum Erkennt- nis mittel und – medium wird“ (Bachmann-Medick 2006, 16). Interpretative Turn – Kultur als Text Der Interpretative Turn knüpft an den bedeutungs- und wissensorientierten Kulturbegriff an und ver- steht Kultur als „selbstgesponnenes Bedeutungs- gewebe“, das es wie ein Text zu lesen gilt. Maßgeblich angestoßen durch die Arbeiten des Kulturanthropologen Clifford Geertz wird die Textmetapher zur Leitkategorie. Geertz (1987, 259) zufolge besteht Kultur „aus einem Ensemble von Texten, die ihrerseits wieder Ensembles sind, und der Ethnologe bemüht sich, sie über die Schultern derjenigen, für die sie eigentlich gedacht sind, zu lesen“. Entgegen der strukturalistischen Verselbst- ständigung des Sprachsystems richtet sich der Fo- kus auf Sprache als einen gemeinsamen sozialen Akt. Dieser Fokus erfordert eine Erkenntnishaltung , die den Globalblick auf Kulturen verlässt, „the na- tive´s point of view“ einnimmt und die ethnogra- phische Teilhabe des Forschenden voraussetzt: „Was wird aus dem Verstehen , wenn das Einfühlen entfällt?“ lautet die entsprechende methodische Leitfrage (1987, 290). Da die Bedeutungen von Symbolen allein aus ihrem kulturellen Kontext ab- zulesen sind, ist Kontextualisierung in Form von „dichten Beschreibungen“ eine weitere metho- dische Leitmetapher . Dieser Terminus bezieht sich sowohl auf den Beobachtermodus, in dem der Eth- nologe seinen Subjekten gegenübertritt als auch auf den Narrationsmodus, in dem er seine Einzel- ergebnisse verdichtend generalisiert. Zusammen- fassend ist festzuhalten, dass der Interpretative Turn sowohl die Kulturwissenschaft selbst zu einer Neu- bestimmung ihrer Gegenstände gedrängt als auch erhebliche grenzüberschreitende, transdisziplinäre Impulse gegeben hat. In Diskursen der Sozialen Arbeit sind seine Spuren u. a. in Konzepten der Lebenswelt der AdressatInnen und deren for- schungsmethodologischen Rekonstruktion zu fin- den. Die interpretativ-textuellen Leitlinien sollten jedoch nicht unkritisiert bleiben und werden mit dem Reflexive Turn eingeleitet. Reflexive Turn – Kultur als Repräsentationskritik Ausgehend von der „Writing-Culture-Debatte“ (Clifford /Marcus 1986) um die dicht beschrei- bende „Position des privilegierten Beobachters, der im Rücken der Anderen mehr und besser sieht“ (Schiffauer 2004, 509), wird vor allem die, durch ihn bestimmte, Repräsentationspraxis in Frage ge- stellt, die sich anmaßt autorisiert, authentisch und unzweifelhaft objektiv „für“ oder „über“ den „An- deren“ zu sprechen (Berg / Fuchs 1993, 72). Kriti- siert wird vor allem, dass erst in der Niederschrift eine Kultur hervorgebracht wird; dass nicht offen gelegt wird, wie die Forschenden zu ihrer Aus- legung kommen; dass widersprüchliche Stimmen einer Kultur unter dem Zwang der Kohärenz aus- geblendet werden; dass nicht-textualisierte Über- schüsse wie Geräusche, Gerüche, Sinneswahrneh- mungen ausgeblendet werden; dass unklar bleibt, wie die beobachteten AkteurInnen ihren kulturel- len Text verfassen, schreiben, ausradieren oder neu füllen und letztlich der Prozess- und Produktions­ charakter sozialen Handelns im Dunklen verbleibt (Ackermann 2004, 146). Die „Krise der ethno­ graphischen Repräsentation“ (Berg / Fuchs 1993) geht in ihrer Wirkung weit über die Kulturwis­ senschaft hinaus und führt zu einer Kritik an der normierenden Repräsentationspraxis und infolge- dessen an normativ-universalistischen Gegenstands­ bestimmungen in den gesamten Sozial- und Ge- sellschaftswissenschaften. Der Reflexive Turn öffnet den Blick für eine kritische, selbstreflexive Revision der Traditionen, Konventionen und Methoden, die bei der Konstruktion wissenschaftlicher „Wahr- heiten“ über Andere, dem Othering , eine unüber- sehbare, aber meist verdrängte Rolle spielen. Othe-

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