Handbuch 5. Auflage
Kulturtheorien 925 ring wird zu einem „Kampfbegriff“, der den projektiven Charakter und die Verstrickung von Forschung in globale Machtsymmetrien und - dis- kurse anprangert (Schiffauer 2004, 508). Wiewohl der Reflexive Turn weniger Leitkategorien als Kri- tik, weniger methodische oder inhaltliche Neu fokussierungen als Dekonstruktion liefert, sind seine reflexiven, repräsentationskritischen Anstöße in vielfältiger Weise auch in sozialpädagogische Theorie und Praxis eingesickert. Letztlich nimmt er die moderne Reflexivitätssteigerung in die diszipli- nären Wissensproduktionen auf und hinterfragt vereindeutigende, alteritätsstabilisierende Univer- salitäts- und Rationalitätsansprüche. Offenheit, Irritabilität und selbstreflexive Positionierung wer- den zu entscheidenden Erkenntnisinstrumenten in der Forschung und zu methodischen Schlüsselkom- petenzen in der Praxis Sozialer Arbeit. Performative Turn – Kultur als Darstellung In unmittelbarem zeitlichem und inhaltlichem Zusammenhang mit der repräsentationskritischen Richtungsänderung steht das Aufkommen des Performative Turns . Mit der richtungsweisenden Leitvorstellung Kultur als Performanz werden die im Reflexiven Turn deutlich angemahnten Dimen- sionen der dynamischen Prozessualität des kultu- rellen Bedeutungsgewebes und deren performative Überschüsse eingeholt. Ausgehend von den Ar- beiten Victor Turners rückt ein deutlicher Hand- lungs- und Ereignisbezug ins Blickfeld, der darauf zielt, den pragmatischen Prozess der Symbolisie- rung selbst zu erfassen und „die Symbole gewis- sermaßen in Bewegung einzufangen“ (Turner 1989, 33). Soziales Drama, Ritual und Liminali- tät werden zu neuen kulturwissenschaftlichen Leitkategorien und zu wegbereitenden Analyse- modellen. Der Terminus des sozialen Dramas be- zeichnet eine idealtypische Ablaufform von Kri- sen- und Konfliktbewältigungsprozessen „auf allen Ebenen der Sozialorganisation, vom Staat bis zur Familie“ (Turner 1989, 144). Rituale sind konstitutive Elemente der sozialen Dramen. Sie fungieren als Handlungssysteme der Differenzbe- arbeitung und als transformative Inszenierungs- medien symbolischen Handelns, in denen Sym- bole ausgebildet und verändert werden. Mit Ritualen werden Übergänge von einem Zustand in einen anderen geregelt, das können gesell- schaftliche wie individuelle Statusänderungen, Krisen- oder Konfliktsituationen sein. Liminalität beschreibt in dieser idealtypischen Ablaufform die symbolträchtige Grenz- und Schwellenphase, an der „die Vergangenheit für kurze Zeit negiert, auf- gehoben oder beseitigt ist, die Zukunft aber noch nicht begonnen hat – einen Augenblick reiner Po- tentialität, in dem gleichsam alles im Gleichge- wicht zittert“ (Turner 1989, 69). Liminalität , die Erfahrungs- und Handlungsform des „betwixt und between“, aufgeladen mit dem Vermögen zu Reflexion und Innovation vorgegebener Verhält- nisse (Bachmann-Medick 2006, 116), wird zu ei- nem transdisziplinären Schlüsselbegriff. Denn auch der Performative Turn hinterlässt Spuren über die Kulturwissenschaften hinaus. Die Ana- lyse des Konstrukt- und Ausgestaltungscharakters kultureller Praktiken wird zur neuen transdiszipli- nären Herausforderung und mit ihr die Auseinan- dersetzung um Materialität, Medialität, Inszenie- rung und Transgression symbolischer Ordnungen. Vor dem Hintergrund performativer Erkenntnis- instrumente werden neue Analyse- und Diskussi- onshorizonte für Formen der Tradierung, der Ver- änderung institutioneller, interaktioneller und individueller Verhältnisse, der Initiierung von Prozessen der Integration, der Vergemeinschaf- tung wie Exklusion auch in pädagogischen Zu- sammenhängen erschlossen (Wulf / Zirfas 2007). Postcolonial Turn – Kultur als Differenz Der in den 1980er Jahren eintretende Postcolonial Turn verstärkt die repräsentationskritische Perspek- tive um eine politisch-programmatische Kanon- kritik an der eurozentrischen imperialen Wissens- ordnung und ihrem universalisierenden Herr- schaftsdiskurs über nichtwestliche Kulturen der Welt. Koloniale Macht wird auch nach Ende der Kolonialisation ausgeübt, jedoch nicht nur öko- nomisch oder politisch, sondern auch diskursiv, so die grundlegende Maxime des postkolonialen Blick- wechsels. Said (1978) entlarvt die „Figur des kolo- nialisierten Anderen“ als westliche Erfindung. Zum einen fungiert sie als Negativfolie zur Bildung der eigenen westlich-weißen Identität und zum
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