Handbuch 5. Auflage

926 Klein  anderen prägt sie die Selbstdefinition der koloniali- sierten Ethnien in entscheidender Weise. Die ein- geläutete „Krise der Repräsentation“ changiert in Folge zu einer „Krise der Identität “ und mit dieser zu einer fundamentalen Kritik an der westlich- metaphysischen Logik, die sich auf Ursprung, Ein- heit, Essenz, Wesen, Stabilität und Kontinuität beruhende, vereindeutigende Identitätskonstruk- tionen stützt (Bachmann-Medick 2006, 206). So gesehen haben Schwarze eine Hautfarbe, Ausländer eine ethnische Identität, Frauen ein Geschlecht, Homosexuelle eine Sexualität, Afrika eine koloniale Vergangenheit und KlientInnen der Sozialen Ar- beit ein abweichendes Verhalten – aber Weiße, In- länder, Männer, Heterosexuelle, die EU und „Nor- malos“ dadurch auch. Diese „eurozentrischen Konstruktionen“ vollziehen sich durch Rückgriff auf polarisierende, binäre Denkformationen, die zu antagonistischen Spaltungen führen und asym- metrische Hierarchieformen verankern, welche die aufgeführten Konstrukte Schwarz /Weiß, Mehr- heit /Minderheit, Mann / Frau, Selbst / Anderer, Norm/ Abweichung wie ein Riss durchziehen. Der postkoloniale Diskurs jedoch verfährt in einem gänzlich anderen Denkmodus, der sich durch eine zwischenkategoriale, sich ständig auf dem „artiku- latorischen Abgrund“ befindlichenden Erkenntnis- haltung auszeichnet. Der Fokus wechselt dabei von Identitätsmomenten zu Alteritätsmomenten, denn kulturelle Identitätsarbeit, geprägt durch Entor- tung, Dezentrierung und Diskontinuität ist nicht mehr und nicht weniger als eine flüchtig-fluide Fixierung translokaler, transhistorischer und trans­ individueller Ambivalenzen in „Äußerungsräumen der Differenz“, die sich zwischenräumlich (de) platzieren. Homi K. Bhabha (2000), einer der füh- renden postkolonialistischen Vertreter, entwickelt dafür leitkategorisch die Metapher des dritten kul- turellen Raums , in der Identitäten , ob personaler, kollektiver oder diskursiver Art, im beständigen Spiel der Differenzen, der Überlagerungen und Überbrückungen, Vernetzungen eine unbestimmte Artikulationsform suchend (er)finden. Diese Ver- handlung inkommensurabler Differenzen schafft eine Spannung, deren Stärke in der Verletzung der bedeutungskonstituierenden Raum grenze des drit- ten kulturellen Raumes liegt – dem beyond (darüber hinausgehend) als Moment der Grenzüberschrei- tung der dominanten, vorfindlichen kulturellen Definitionen. Die intellektuelle Dekolonisation und Dekonstruktion essentialistischer Substanzka- tegorien ermöglicht dadurch ein konzeptuelles Re- mapping der wissenschaftlichen Landkarten (Bachmann-Medick 2006, 200 f.). Monolithische Differenzkategorien wie race, class, nation, subject werden reformuliert, wenn die „Verortung von Kultur“ (Bhabha 2000) nicht in festen tradierten Identitätsschubladen verstaubt, sondern auf Ver- änderungsspielräume in liminalen, entgrenzten Zwischenpositionen zurückgeführt wird: „Dieser zwischenräumliche Übergang zwischen festen Identifikationen eröffnet die Möglichkeit einer kulturellen Hybridität, in der es einen Platz für Differenz ohne eine übernommene oder verord- nete Hierarchie gibt“ (Bhabha 2000, 5). Hybridi- tät , als wichtiger Leitbegriff postkolonialer Debat- ten, bezieht sich dabei nicht auf biologisch deter- minierte, gemischte „rassische“ Zusammensetzung von Bevölkerungen, sondern auf die kulturelle Lo- gik der Übersetzung als Querschnitt zwischen diffe- renten Bedeutungen. Er fungiert in der Multikul- turalismusdebatte als dekonstruierendes Gegen- konzept zur Postulierung einer Leitkultur und deren Begleitbegriffe, wie Akkulturation, Assimi- liation und Integration (Bachmann-Medick 2006, 198). Hybrid ist alles, was aus einer Vermischung von Traditionslinien, von Symbolen, Signifikanten und Praxen entsteht und durch Formen der aktiven Aneignung und produktiven Verarbeitung zu- stande kommt. Hybridität als immer schon dazwi- schen liegender dritter Denk-, Erfahrungs- und Handlungsraum zeigt sich nicht nur zwischen meh- reren Kulturen (Interkulturalität), sondern als in- nere Differenzierung einer Kultur (Multikulturali- tät) und letztlich der internen Zerrissenheit der Subjekte selbst: als Differenz zwischen dem spre- chenden und dem gesprochenen Subjekt. Post- koloniale Reflexionsinstrumente spiegeln sich wi- der in aktuellen Auseinandersetzungen zu wirk- mächtigen Grundannahmen des Sozialen, wie Alterität, Fremdheit, Abweichung und Exklusion. Vorgängig implizit wirkende Standards zu Kon- struktionen von Identität, Norm und Inklusion werden zunehmend hinterfragt und durch alterna- tive Konzepte wie Mehrfachzugehörigkeit (Mecheril 2003) oder Zwischenwelten (Gemende 2002) er- setzt.

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=