Handbuch 5. Auflage
Kulturtheorien 927 Practical Turn – Kultur als Praxis Im Practical Turn bündeln sich aktuell die gebahn- ten Wege in einen praxistheoretischen Knoten- punkt, dessen gemeinsame Perspektive in der Be- stimmung von Kultur als Praxis liegt. „ Doing culture steht als Sammelbegriff für das ‚Dickicht‘ der prag- matischen Verwendungsweisen von Kultur: doing gender, doing knowledge, doing identity oder doing ethnicity sind nur einige von zahlreichen Beispie- len“ (Hörning / Reuter 2004, 10). Die zugrunde liegende Praxisperspektive richtet sich gegen ver- einseitigende und verkürzende Auffassungen von Kultur als Ensemble lesbarer Texte, kollektiv ge- ronnener Sinnstrukturen, symbolisch objektivier- ter Codes oder semiotisch tragender Zeichensys- teme und gibt sich nicht mit verschiedenen Lesarten desselben zufrieden, sondern impliziert, dass „sich Kultur nur in ihren Verarbeitungsformen wirklich ‚dingfest‘, d. h. sichtbar, aufzeigbar, nach- vollziehbar machen lässt“ (Hörning 2004, 139). Als kleinste Analyseeinheit wählen kulturpraxeolo- gische Ansätze soziale Praktiken , denn in Praxis- theorien gewinnt die Person erst in den Spielräu- men sozialer Praxis ein Verständnis von sich und der Welt, dort macht sie Erfahrungen, erlangt ein implizites, im weiteren Verlauf oft nicht weiter hin- terfragtes, körperlich eingelagertes Wissen, „was geht und was nicht geht“ (Hirschauer 2004, 78). Sie machen den „praktischen Sinn“ (Bourdieu 1993) und das „praktische Bewusstsein“ (Giddens 1995) aus. Soziale Praktiken sind grundlegende Bausteine kultureller Ordnungen und konfigurie- ren über historische Rezeptions- und Produktions- techniken, verknüpft mit den dabei aktiv heraus- gebildeten Zeit- und Raumregimes, spezifische kulturelle Institutionen, wie Praktiken körperlicher Hygiene, familiären Zusammenlebens, bürokrati- schen Verwaltens, ökonomischen Dienstleistens, ethischen Orientierens oder wissenschaftlichen Theoretisierens: „Soziale Praktiken können dabei eine intersubjektive Struktur haben, das heißt mehrere körperlich mentale ‚Träger‘ voraussetzen, sie können jedoch auch ‚interobjek- tiv‘ (Latour) strukturiert sein und materiale Artefakte vo- raussetzen oder schließlich im Sinne der ‚Techniken des Selbst‘ (Foucault) eine auf einen einzelnen Träger bezogene Struktur hinweisen.“ (Reckwitz 2004, 18) Zwangsläufig rückt die Vermittlung zwischen der individuellen Intentionalität und der gesellschaftli- chen Bedingtheit sozialer Praxis in das Zentrum praxeologischer Ansätze. Als prominente Leitkate- gorie dafür wird das Konzept des Habitus (Bourdieu 1993, 7 f.) herangezogen, ein Vermittlungsbegriff par excellence, der als „strukturierte und struktu- rierende Struktur“ sowohl erklärt, wie die Kultur in den Menschen kommt als auch, was dieser in akti- ver Aneignung damit macht. Denn habitualisierte Praktiken sind immer beides: Wiederholung und Neuerschließung, Tradierung und Innovation und eine (dis)kontinuierliche Mischung von Routine und Reflexion, die den Menschen befähigt, aus ei- nem nahezu unendlichen Möglichkeitsrepertoire durch handelndes Zusammenwirken soziale Ord- nungslinien (wieder) her zu stellen. Praktiken sind notwendigerweise auf zwei Träger verwiesen: auf den Körper als materialisierte Schnittstelle zwi- schen Natur und Kultur und auf materiale Arte- fakte wie Dinge, Werkzeuge, Anlagen und mediale Technologien, die sich gegenwärtig immer dichter zwischen Mensch und Maschine stellen und da- durch die Grenzen zwischen dem natürlich Gege- benen und dem künstlich Kultivierten zunehmend verwischen. Damit erhält der Körper als Produkt und Produzent gesellschaftlicher Strukturen und mit ihm Körpertechniken einen zentralen For- schungsstatus. Infolgedessen verlassen auch unbe- wusste bis unverständliche und fremde (Dis)posi- tionen einer Kultur ihren Status als Störquelle und können in ihrem erkenntnisgenerierenden Poten- zial anerkannt werden. Die Leitkategorien, der sich aus den skizzierten Turns herauskristallisierenden praxeologischen „Theoriefamilie“ (Reckwitz 2006) mit ihrem Fokus auf kulturelle Dynamik , Differenz und Kontingenz werden vor allem über die sich daraus entwickelnden, nachfolgend skizzierten Studies in die Disziplin der Sozialen Arbeit hinein- getragen. (Cultural) Studies: Leittheorien, -kategorien und -instrumente Begleitet werden die Turns von einem ansteigenden Durchlässigwerden der Disziplingrenzen, die zur Etablierung transdiziplinärer Theorie- und For- schungsprogramme, den sog. Studies , führt – im Zentrum des zunehmend entgrenzten kultur
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