Handbuch 5. Auflage
928 Klein theoretischen Feldes die Cultural Studies , an seinen Rändern etliche neuere Richtungen. Diese nehmen für sich in Anspruch, ausgehend von kulturwissen- schaftlichen Theoriebezügen gesamtgesellschaftli- che Erklärungs- und Analyseinstrumente bereitzu- stellen (Moebius 2009, 162). Im Folgenden werden für die Soziale Arbeit zentrale Studies mit ihren Leittheorien, -kategorien und -instrumenten skiz- ziert. Ihre Gemeinsamkeit liegt in der praxistheo- retischen Familienähnlichkeit, der Anknüpfung an poststrukturalistische Theorien und letztlich in der transdisziplinären Übersetzungsarbeit , die sich so- wohl diskursiv durch neue Zeitschriftenreihen als auch curricular in der Hochschullandschaft zuneh- mend institutionalisiert – mit der Tendenz, in Form von neuen Studiengängen auf Master- und Bachelorniveau, von Modulen und Weiterbil- dungsangeboten, die Ausbildung und damit das Professionsprofil der Sozialen Arbeit weiter zu ent- wickeln ( www.idis.uni-koeln.de ) . Die Cultural Studies sind ein interdisziplinäres Theorie- und Forschungsprojekt, das in England Mitte der 1960er mit der Gründung des Birming- ham Centre for Contemporary Cultural Studies beginnt. Ihre Anfänge sind als postmarxistische Antwort auf fehlende Theorielinien zwischen Basis und Überbau zu verstehen. Die Vertreter der Cul- tural Studies wählen für die Forschungslücke den Begriff „Kultur“, die für sie mehr ist als ein bloßer Reflex ökonomischer Beziehungen. Basis ist ein holistischer Kulturbegriff, der Kultur als „whole way of life“ fasst. „Culture is ordinary“ lautet die programmatische Definition und lenkt den Fokus weg von der hegemonialen Hochkultur auf mino- ritäre, subkulturelle Praktiken des kleinen Mannes auf der Straße. Die Cultural Studies liegen quer zu universitären Standarddisziplinen wie Soziologie, Geschichts-, Politik-, Kunst- oder Literaturwis- senschaft und entziehen sich dadurch einer ein- heitlichen, stringenten Definition. Sie greifen auf unterschiedliche, der Besonderheit des Untersu- chungsgegenstandes geschuldete Theorien und Methoden zurück, so dass der Forschungsprozess einer experimentellen Bricolage ähnelt. Trotz dieses multiplen Designs lassen sich Schlüsselbegriffe wie Kreativität , Macht und Identität ausmachen. Mit den Arbeiten zu jugendlichen Subkulturen ver- stärkt sich die auf Alltagskreativität der Subjekte ausgerichtete Perspektive. Jugendkultur und deren symbolische Stilmittel wurden als Versuche inter- pretiert, der dominanten Kultur Raum abzuge- winnen und den persönlichen und gruppengebun- denen Handlungsspielraum zu vergrößern. Der Schwerpunkt der Cultural Studies verlagert sich in den folgenden Jahren immer mehr auf die Per- spektive der produktiv-kreativen Aneignung und der „Kunst des Eigensinns“ (Winter 2001), der sich gegen den Gemeinsinn stellt und subversiv vorhandene Kulturmuster von unten sukzessiv verändert. Bricolagen aus dem poststrukturalisti- schen Theoriegebäude dekonstruieren zunehmend kulturelle Identitätsdiskurse und decken ihre he- gemonialen Verflechtungen auf. Kultur wird als eine Arena umkämpfter Bedeutungen definiert. In Arbeiten zur Medienrezeption wird gezeigt, wie das Publikum den medial vermittelten Sinnrah- men gegen den Strich liest und durch eigen- wie widerständige Lesarten alternative kulturelle Be- deutungen mitaktiv herstellt. Populäre Kultur aus dieser Sicht ist Kontingenzkultur, die einen kreati- ven Möglichkeitsraum der Selbstermächtigung er- öffnet (Moebius 2009, 191). Stewart Hall, eine Schlüsselfigur der Cultural Studies, entwirft auf der Hintergrundfolie der Derridaschen Differenz- konzeption eine politische Praxistheorie mit inter- ventionistischem Charakter (Moebius 2009, 193). Artikulation wird durch ihn zu einer entscheiden- den Leitkategorie der Cultural Studies , welche die alltagspraktischen Verknüpfungen differenter Ele- mente zu „Einheiten der Differenz“ erfasst und kontingente Nahtstellen beschreibt, an denen Iden- titäten flüchtig-fluid, beweglich und tendenziell unabgeschlossen, für einen kurzen Moment fixiert, im nächsten Moment jedoch wieder neu verknüpft und re-artikuliert werden (Hall 2000). Diese „po- sitive“ Sicht auf Differenzen, die durch „Aufschub und Verzögerung“ im Gleiten der Signifikanten Raum schaffen für eine prozesshafte und probe- weise Artikulation von Identitätspolitiken, teilt Hall mit postkolonialen Theorien. Eine weitere Gemeinsamkeit ist der Rückgriff auf die Leitkate- gorie der Hybridität (Hall 2004, 208 f.) und den damit induzierten Blick auf übersetzende Formen der Gegenmacht, Selbstermächtigung und Hand- lungsfähigkeit. Vor allem haben die positiv kon- notierten Perspektiven auf Selbstermächtigung (Agency, Empowerment, Aktivierung, Capability) Eingang in Diskurse der Sozialen Arbeit gefunden, ebenso wie der interventionistische, politische Zu- gang. Angesichts der Diskussion um die Ökono-
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=