Handbuch 5. Auflage
Kulturtheorien 929 misierung des Sozialen wird aktuell die Debatte um „Cultural Studies als Politik“ wieder verstärkt geführt: „[…] it makes visible the contested cha- racter of the social itself – revealing the struggles over how people and populations are to be orde- red, classified and improved“ (Clarke 2009, 233). Anleihen aus der Werkzeugkiste der Cultural Stu- dies finden sich in allen nachfolgend genannten, randplatzierten und dadurch grenzüberschreiten- den Studies . Vor allem in den Gouvernemental Studies wird der Diskurs um Kultur als ein von Macht geprägter Zusammenhang konsequent im Rückbezug auf die Arbeiten Michel Foucaults zur Machtanalytik weitergeführt. Die Gouvernemental Studies sind eine sich zunächst im angelsächsischen, seit 2000 auch im deutschsprachigen Raum etablierende Forschungsrichtung, die auf eine gouvernementa- litätsanalytische Betrachtung der aktuellen For- men zielt, „durch die in unserer Kultur Menschen zu Subjekten gemacht werden“ (Foucault 1987, 243). Dem Gouvernementalitätskonzept obliegt eine „Scharnierfunktion“, die eine Analyse der Wechselwirkung zwischen Kultur und Subjekt, in Foucaults Begrifflichkeit zwischen Herrschafts- techniken und Selbsttechniken ermöglicht. Die ge- genwärtigen Gouvernementalitätsstrategien (auf der Subjekt- und Kulturebene) sind durch einen Risikodiskurs vorstrukturiert, der die Berechen- barkeit der sich dynamisch vervielfachenden Mo- dernisierungsrisiken sucht. Charakteristikum der neoliberalen „Regierung der Risiken“ ist die Ver- lagerung der Verantwortung für den Umgang mit gesellschaftlichen Risiken wie Arbeitslosigkeit, Armut, Krankheit, Marginalisierung aus dem Be- reich der wohlfahrtsstaatlichen, kollektiven Für- sorge in den Zuständigkeitsbereich privatisierter Vorsorge und individualisierter Selbstsorge (Lemke et. al. 2000, 22). Scheinbar emanzipatorische und auf Autonomie basierende Paradigmen der Akti- vierung der sozialen AkteurInnen durch Pro- gramme des bürgerschaftlichen Engagements, des Empowerments, der Gesundheitsvorsorge und der informierten Entscheidung werden ihrer pre- kären Komplizenschaft mit entsichernden, markt- wirtschaftlichen, profitmaximierenden, effizienz- steigernden Regierungstechnologien überführt. Gouvernementalitätsstudien in der Sozialen Arbeit zielen auf eine kritische Analytik der Ökonomisie- rung und der Regierung des Sozialen ; der eigenen Rolle bei der (Mit)Konstitution sozialer (Herr- schafts)Strukturen und neoliberaler Programmie- rungstechniken; der (Trans)Formation moderner Subjektivierungsweisen und der (Mit)Herstellung neuer, marktgängiger, herrschaftskonformer In- klusions- und Exklusionspraktiken (Anhorn et al. 2007). Dabei formulieren sie den Anspruch, „die eigene […] Kultur in die Falle zu locken“ (Kessl 2006, 70) und „die Kunst nicht dermaßen regiert zu werden“ (Maurer /Weber 2006) als alternatives Möglichkeitsfeld in vorstrukturierten Macht- und Wissensräumen freizulegen. Eine topographische Dimension auf Kulturen ist auch vorherrschendes Kennzeichen der Spatial Studies , einer Forschungsrichtung, welche die postmodernen Verschiebungen mit einer Neube- wertung des Raumbegriffs beantwortet. Raum als Leitkategorie wird wie Kultur seiner physisch- territorialen, materiell-essentialistischen und sub- stanziell-dinglichen Containerform beraubt. An deren Stelle treten relationale, dynamische und sozialhistorische Perspektiven, die Raum als Be- dingung und Effekt kultureller Praktiken sehen: ein Hybrid aus materiellen Bedingungen und so- zialer Nutzung (Löw 2001, 121). Der Auflösung des Raumes durch die fortschreitenden globalen Prozesse der Entbettung, Entortung und Ent- grenzung wird mit der Wiederkehr einer differen- zierten Raumbestimmung begegnet. Soziokultu- relle Prozesse werden rückgebettet, lokalisiert, situiert und verräumlicht, so auch in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, wie die aktuelle Kon- junktur der Sozialraumorientierung in sozialpoli- tischen, sozialgeographischen und sozialpädago- gischen Programmatiken mit ihren durchaus kontroversen Diskussionen um die „Territoriali- sierung des Sozialen“ zeigt (Kessl et. al. 2005). Die im Kontext der Sozialen Arbeit neue Weichen stellenden Science , Queer und Disability Studies legen ihren kulturanalytischen Schwerpunkt auf die radi- kale In-Fragestellung der klassischen Natur /Kultur- Binarität. In den Science Studies bezeichnen neue Leitkategorien, wie Aktant , Quasiobjekt (Latour 1998) oder Cyborg (1995) diejenigen Phänomene, die nicht Natur und auch nicht Kultur sind, sondern grenzverwischende, auf und unter die (Haut) Ober- fläche gerückte hybride Artefakte darstellen. Im Fo- kus steht das netzwerkartige Ineinandergreifen, das sich zwischenkategorial ergibt, wenn Natürlichkeit, Materialität und Stofflichkeit auf der einen Seite
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=