Handbuch 5. Auflage
936 Grunwald · H. Thiersch In dieser Intention kann das Konzept Lebenswelt- orientierte Soziale Arbeit vielfältige Ansätze aus der sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Pra- xis des vorigen Jahrhunderts aufnehmen – also z. B. das Prinzip eines Anfangs da, wo Gruppen und Menschen stehen, Konzepte einer gemeinwesen- oder settlement-orientierten Arbeit, Konzepte der Jugend- und Arbeiterforschung, ebenso aber An- sätze der Reformpädagogik, des pädagogischen Programms einer Arbeit im Alltag der gegebenen Verhältnisse (Nohl 1949) oder des politisch inspi- rierten exemplarischen Lernens (Freire 1971; Negt 2002). Diese Ansätze aber werden im Konzept Le- bensweltorientierter Sozialer Arbeit im Zeichen ei- ner realistischen und kritischen Neuorientierung der Erziehungs- und Sozialwissenschaft der 1960 / 1970er Jahre gesellschafts- und sozialwissen- schaftlich reinterpretiert; sie können so in einem weiteren Horizont nachträglich fundiert und vor allem weiterentwickelt werden. Das Konzept Lebensweltorientierter Sozialer Arbeit (zum Folgenden Grunwald/Thiersch 2008, 17ff.) verbindet die hermeneutische Tradition zur Rekon- struktion von Verstehen und Verständnis mit der interaktionistisch-phänomenologischen Tradition der Analyse der Grundstrukturen des Sozialen in der Spannung von Welt und Ich (Mead 1934) und mit den spezifischen Analysen alltäglich lebensweltlicher Lebens- und Wissensformen (Schütz 1971/1972; Berger/Luckmann 1977; Goffman 2001). Diese Ansätze verbinden sich wiederum mit einer kriti- schen Alltagstheorie, die Alltag als Spannungsver- hältnis versteht, also die Borniertheit und Zweideu- tigkeit gegebener Alltagsverhältnisse mit den in ihnen liegenden Möglichkeiten einer gelingenderen Praxis konfrontiert (Kosik 1967; Bourdieu 2008). Analysen zur gegebenen Gesellschaftssituation kon- kretisieren diese Spannung als den gegenwärtigen Widerspruch von lebensweltlichen Verhältnissen und rational systemischen Gesellschaftsstrukturen und rekonstruieren ihre Machtverhältnisse, Risiken und Unübersichtlichkeiten (Habermas 1985; Beck 1986; Rauschenbach/Gängler 1992). Im Zusammenspiel dieser Zugänge kann Lebens- weltorientierte Soziale Arbeit verstanden werden als pragmatisches Konzept, das sich fundiert im kritisch und gesellschaftlich reformulierten Inter- aktionismus. Die Entwicklung dieses Konzepts korrespondiert mit Diskursen und Entwicklungen ebenso in anderen Bereichen der Erziehungswis- senschaft (z. B. der Schul-, Behinderten- und Re- habilitationspädagogik) wie in der Gemeinde- und Sozialpsychiatrie und Sozialpsychologie oder der kritischen Kriminologie. Vor dem Hintergrund dieser Diskurse entwirft Lebensweltorientierte So- ziale Arbeit ihr eigenes Konzept zur Rekonstruk- tion gegenwärtiger Lebenswelt und lebenswelt- licher Bewältigungsmuster. Lebenswelt Diese spezifische Rekonstruktion der Lebenswelt lässt sich auf drei Ebenen bestimmen. Lebenswelt ist – zum Ersten – ein beschreibendes, phänomenologisch orientiertes Konzept, in dem Lebensbewältigung als allgemeines Verhältnis des Menschen zur Wirklichkeit und die Realisierung dieses Verhältnisses in konkreten Lebensfeldern voneinander unterschieden werden können. Der Mensch wird nicht abstrakt als Individuum gese- hen, sondern in einer Wirklichkeit, in der er sich immer schon vorfindet. In subjektiven Deutungs- und Handlungsstrategien, in Anpassungen, Ver- wandlungen und Verweigerungen, pragmatisch und in Routinen und Ritualen entlastet, sucht er die Situationen zu bewältigen, in denen er sich vor- findet; er bildet sich darin sein Bild einer in der Erfahrung verbürgten Wirklichkeit und seiner Identität. Die Situationen sind in Raum, Zeit, so- zialen Bezügen und kulturellen Deutungsmustern bestimmt. Dieser Modus der Lebensbewältigung verliert in der Offenheit und Brüchigkeit heutiger Lebens- strukturen seine Selbstverständlichkeit, er wird in sich widersprüchlich. Pragmatik und Routinen sind elementare Voraussetzung von Lebensbewälti- gung, aber sie gelten nun nicht mehr unhinterfragt, sie müssen gewählt und begründet werden. Erfah- rungen und Gestaltungsaufgaben in Raum und Zeit sind herausgefordert, Verlässlichkeit und Of- fenheit miteinander zu vermitteln. Ebenso müssen soziale Beziehungen Selbstverständlichkeiten sowie gewählte und inszenierte Arrangements miteinan- der verbinden. Lebensweltliche Bewältigungsmuster repräsentie- ren sich in unterschiedlichen Lebensräumen oder Lebensfeldern, also z. B. in der Familie, der Arbeit, der Jugendgruppe oder der Öffentlichkeit. Indem Menschen durch diese verschiedenen Lebensfelder
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