Handbuch 5. Auflage

Lebensweltorientierung 937 und die zwischen ihnen liegenden Spannungen und Widersprüche hindurchgehen, ergibt sich die Arbeit an der Biografie, die Biografizität. Bei ihr geht es um Strategien der Selbsterfahrung und Selbstinszenierung, um Souveränität und Kom- pensation, auch um Blockaden, Verletzungen und Traumatisierungen. Das Konzept Lebenswelt ist – zum Zweiten – ein historisch-soziales Konzept. Lebensweltliche Er- fahrungen und Lebensfelder sind gleichsam die Bühne, auf der sich Gesetze und Strukturen gesell- schaftlicher Verhältnisse im konkreten Alltag und in seinen Bewältigungsmustern repräsentieren und gelebt werden. Lebenswelt kann nicht nur in fili- gran-subtilen Analysen lebensweltlicher Bewälti- gungsmuster rekonstruiert werden. Es geht um das Doppelspiel von Vorder- und Hintergrund, von lebensweltlichen Bewältigungsmustern und sozia- len und gesellschaftlichen Strukturen, die sich in den Bewältigungsaufgaben repräsentieren. Diese Verbindung von phänomenologischer Analyse und Gesellschaftsanalyse ist charakteristisch für die spe- zifische Sicht des Konzepts der Lebensweltorien- tierten Sozialen Arbeit auf Alltag und Lebenswelt. Das Konzept Lebenswelt ist – zum Dritten – ein kritisch normatives Konzept. Es versteht lebens- weltliche Verhältnisse und die dahinterliegenden gesellschaftlichen Strukturen in der Spannung von Gegebenem und Möglichem. Lebensweltliche Be- wältigungsmuster und Lebenswelten werden ver- standen als Ausdruck der Erfahrung eines zentralen Widerspruchs und des Kampfes in diesem Wider- spruch. Lebensbewältigung ist (auch) durch Machtverhältnisse, gegenseitige Unterdrückungen, durch Konflikte und Kämpfe um Anerkennung bestimmt (Bitzan 2000). Die „Pseudokonkretheit“ (Kosik 1967) von Lebenswelt ist angelegt auf eine „Destruktion“ im Namen der in ihr auch angeleg- ten Entwürfe, Erwartungen und Hoffnungen für einen gelingenderen Alltag. Gegenüber der phi- losophisch und erkenntnistheoretisch immer wie- der eingeforderten rigiden Trennung von Sein und Sollen insistiert das Konzept Lebenswelt darauf, dass im Gegebenen das Bessere, Mögliche angelegt ist; Hunger – so Ernst Bloch (2001) – ist der Trieb im menschlichen Leben und in der Geschichte. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit Auf diese Sicht von Lebenswelt beziehen sich Selbstverständnis und Organisations- und Hand- lungskonzepte der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit. In der Verbindung des spezifischen Ver- ständnisses von Lebenswelt mit dem Konzept der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit liegt ein zentrales Charakteristikum des Konzepts. Proble- matisch ist es, wenn sich Darstellung und Diskus- sion des Konzepts nur einschränkend entweder auf die spezifische Rekonstruktion von Lebenswelt oder auf die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit beziehen. Professionelle und institutionelle Res- sourcen nutzend, sucht Lebensweltorientierte So- ziale Arbeit die in der Widersprüchlichkeit lebens- weltlicher Erfahrung angelegten Optionen für einen gelingenderen Alltag im Horizont sozialer Gerechtigkeit zu stärken. Soziale Arbeit – so Franz Hamburger (2008) – hat Teil an der Lebenswelt und transzendiert sie zugleich. Dieser enge Bezug von Lebenswelt und Lebenswelt- orientierung (im Folgenden als Synonym verwendet für Lebensweltorientierte Soziale Arbeit) wird, wenn er theoretisch oder in der Praxis aufgegriffen wird, immer wieder missverstanden. Jenseits des Selbst- verständnisses des Konzepts Lebensweltorientierte Soziale Arbeit wird ihm simplifizierend unterstellt, dass es lebensweltliche Aktivitäten nur aufgreife und insofern wiederhole, was in der Lebenswelt sowieso schon geschehe, dass Soziale Arbeit also – pointier- ter formuliert – sich hier ihrer Professionalität und ihres Auftrags entschlage. Die Nichtunterscheidung von Lebenswelt und Lebensweltorientierung ist auch innerhalb der Praxis der Sozialen Arbeit ver- breitet. Auch wenn sich SozialarbeiterInnen ihrer Praxis sicher sind, tun sie sich immer wieder schwer, das eigene Profil und den eigenen Wert ihrer fachli- chen Arbeit gegenüber alltäglicher Unterstützung auszuweisen, wie sie auch Nicht-Professionelle er- bringen. Dies Missverständnis mag zwar naheliegen bei einem Konzept, das den Ausgang aller sozialpäd­ agogischen Arbeit in den Erfahrungen und Selbst- deutungen von Lebenswelt betont und dies gegen- über den professionellen und gesellschaftlichen Konstellationen anfangs, sicher auch um den Neu- ansatz deutlich zu machen, forciert hat, es verfehlt aber den spezifischen Charakter des Konzepts.

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