Handbuch 5. Auflage
938 Grunwald · H. Thiersch Die Vermittlung von Teilhabe an der Lebenswelt und Transzendieren der Lebenswelt repräsentiert sich im Konzept Lebensweltorientierung in spezi- fischer Weise, nämlich in einer Spannung von Res- pekt und Anerkennung für die gegebenen lebens- weltlichen Verhältnisse der AdressatInnen auf der einen Seite und der Eröffnung von Chancen, Not- wendigkeiten, Zumutungen und Provokationen (Destruktionen) zu einem gelingenderen Alltag auf der anderen Seite. Diese Spannung löst sich nicht immer und glatt auf; sie in ihrer Gegensätzlichkeit auszuhalten und trotzdem produktiv zu nutzen, ohne einen der Pole zu verkürzen, ist eine zentrale und immer wieder herausfordernde Aufgabe für die Profession der Sozialen Arbeit. Der Respekt vor den Erfahrungen und Bewälti- gungsleistungen in der Lebenswelt konkretisiert sich im Konzept Lebensweltorientierte Soziale Ar- beit in unterschiedlichen Aspekten. Respekt macht zunächst achtsam für die vor aller institutionellen und professionellen, grundsätzlich absichtsvollen Pädagogik liegenden Erfahrungen in Familie, Al- ters- bzw. Peergruppen, Vereinen sowie Öffentlich- keit und führt zu vielfältigen Formen, sich in der professionellen Arbeit nicht nur auf sie zu bezie- hen, sondern sie in ihren Potenzialen und in ihrer Selbstzuständigkeit zu unterstützen. Respekt vor Erfahrungen und Bewältigungsleis- tungen in der Lebenswelt stützt vor allem auf ein spezifisches Verständnis von auffälligem, abwei- chendem Verhalten. Auch da, wo es unglücklich für die Einzelnen ebenso wie für das Umfeld und die Gesellschaft unerträglich ist, ist es Ergebnis von Bewältigungsanstrengungen. Erst der Res- pekt vor diesen und das Sich-Einlassen auf sie schaffen die Voraussetzungen zur Arbeit an mög- lichen Neuorientierungen. Lebensweltorientierte Arbeit antwortet nicht – wie oft fälschlich für Soziale Arbeit formuliert wird – mit „Lösungen“ auf „Probleme“, sondern auf Lösungen, die aus der Sicht verschiedener Beteiligter unbefriedigend sind, mit dem Vorschlag von besseren. Respekt vor der Lebenswelt meint außerdem die Fähigkeit und den Mut, Anderes, Unverständliches und Fremdes auch stehen lassen zu können und sich im Sinn von Alltagsbewältigung auf pragmatische Arrangements im gemeinsamen Handeln zu be- schränken. Schließlich: Indem Lebensweltorientierte Soziale Arbeit die Bewältigungsleistungen in der Situation betont, akzentuiert sie die Gegenwart in ihrem Ei- genwert und relativiert damit die für die traditio- nelle Pädagogik und Soziale Arbeit immer wieder dominante charakteristische Orientierung an Zie- len im Horizont von Zukunft. Sie entkräftet damit die so oft benutzte Attitüde des „Jetzt noch nicht, aber später“ und die von daher begründete Un- selbstständigkeit von AdressatInnen, wie sie z. B. Menschen mit Behinderung in die Rolle von ab- hängigen, auf Leitung verwiesenen Kindern ge- drängt hat (und teilweise sicherlich noch drängt). Diese Akzentuierung des Hier und Jetzt der Bewäl- tigungsaufgaben liegt parallel zur Neufassung eines allgemeinen Erziehungskonzepts (Winkler 2006) und dem Wandel von der Erziehungs- zur Bezie- hungsfamilie oder dem neuen Verständnis von Kindheit und Jugend in ihrer Gegenwart und der Bewältigung ihrer Entwicklungsaufgaben (Böh- nisch 2008). Transzendieren von Lebenswelt und Alltag meint, in der Widersprüchlichkeit der Lebenswelt, in den Ressourcen und Potenzialen, in den Unzulänglich- keiten und Borniertheiten, in den Erwartungen und Hoffnungen Optionen zu einem gelingenderen Le- ben im Namen sozialer Gerechtigkeit freizusetzen. Lebensweltorientierung sucht Ansätze für neue An- fänge (Hörster/Müller 1996). Sie motiviert zum Aufbruch, zur Veränderung und zu neuen Lernpro- zessen und stützt die Entwicklung von Räumen und Kompetenzen in der Benutzung ihres fachlichen, methodischen Repertoires. Sie entwirft gangbare Schritte im Horizont einer offenen Planung und agiert darin in stellvertretender Verantwortung (Brumlik 1992; Frommann 1987). Dies setzt Lebensweltorientierung bei und mit den AdressatInnen durch, auch gegen die Selbstver- ständlichkeit eingefahrener Lebensmuster in ihrem Alltag, gegen einen unglücklichen Stolz, mit den Verhältnissen in eigener Zuständigkeit zu Rande zu kommen, und gegen die Verstricktheit in die vielfältigen Formen von unglücklichem und fest- gefahrenem Verhalten. Wer lernt, der leidet, wie der Prediger Salomon schon formulierte. Solches Transzendieren von Lebenswelt und Alltag ist aber riskant; es ist darin gefährdet, bei und trotz aller Anerkennung der AdressatInnen das strukturell asymmetrische pädagogische Arrangement zu un- angemessener Fürsorglichkeit oder Leitung zu nutzen, wie es in der Tradition immer wieder als Disziplinierung und „fürsorgliche Belagerung“ im
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