Handbuch 5. Auflage
Lebensweltorientierung 939 Namen herrschender Moral und der Anpassung an sie praktiziert worden ist. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit vermittelt An- erkennung und Transzendieren in ihrer Spannung im Medium von Verhandlung. Verhandeln meint die prinzipielle wechselseitige Anerkennung mit- einander agierender PartnerInnen. Solche wechsel- seitige Anerkennung ist nicht selbstverständlich, sondern muss oft mühsam hergestellt werden: im Aufbau von Vertrauen und im Erweis von Nütz- lichkeiten, oft aber auch darin, dass AdressatInnen erst die Möglichkeit finden, ihre Position gegen die eigenen Ängste, Resignationen und Apathien und gegen den oft unvermeidlichen „Vorlauf“ der Päd agogInnen zu artikulieren. Das Postulat solcher Verhandlung wird – analog zu dem oben benannten Nichtverständnis von Le- bensweltorientierung – immer wieder dahingehend missverstanden, dass in ihr entweder nur beste- hende Schwierigkeiten bestätigt oder diese harmo- nisierend zerredet und zugedeckt werden. Verhand- lung aber verlangt alsVermittlungvonAnerkennung und Zumutung immer auch Deutlichkeit in der pädagogischen Position, beinhaltet also – in der Konkretisierung der Destruktion von Alltag und Lebenswelt – auch Konflikt, Streit und Auseinan- dersetzung um die Realisierung von Optionen und um die Verbindlichkeiten eines gemeinsamen ver- träglichen Lebens. Die Vermittlung von Anerkennung und Transzen- dieren steht im Horizont der Lebensweltorientier- ten Sozialen Arbeit wie alles pädagogisch fachliche Handeln grundsätzlich in einer Vermittlung von Nähe und Distanz (Dörr /Müller 2006). Das ist angesichts des besonderen Gewichts von Anerken- nung und Alltagsnähe prekär, gerade auch in der Praxis eines institutionell wenig gesicherten, gleich- sam ausgesetzten Arbeitens in der Lebenswelt z. B. von Familien und Gruppen. Im Konkreten ist es bestimmt als strukturierte Offenheit, als eine Ver- mittlung von verlässlichen, methodisch geklärten und den Prozess strukturierenden Zugängen und offener Wachsamkeit für die situative und indivi- duelle Konstellation, für die prinzipielle Ungewiss- heit, in der alles pädagogische Handeln immer und in der heutigen Situation der Entgrenzung beson- ders steht. Professionalität ist nur als reflexive mög- lich. Sie braucht flankierende Sicherungen, die ge- meinsame Verhandlung mit den AdressatInnen muss einhergehen mit regelmäßigen Selbst- und / oder Fremdevaluationen, mit kollegialen Ab- klärungen der Selbstkontrolle und dem Mut zur Institutionalisierung von (Fremd-)Kontrollen und Beschwerdemöglichkeiten. Die Philosophie einer Lebensweltorientierten So- zialen Arbeit konkretisiert sich in Struktur- und Handlungsmaximen, wie sie im 8. Jugendbericht (BMJFFG 1990) formuliert sind und seitdem auch in Varianten diskutiert werden. Auf lebensweltliche Erfahrungen als Bezugspunkte der Sozialen Arbeit verweisen dabei die Strukturmaximen der Präven- tion, der Alltagsnähe und der Regionalisierung, die der Integration und Partizipation verweisen auf die sozialethische, demokratische Dimension der Ar- beit in den Lebensverhältnissen; sie werden sozial- politisch und organisationell ergänzt durch die Maximen der Einmischung und der Vernetzung. Diese Handlungs- und Strukturmaximen müssen immer im Zusammenhang gesehen und angewen- det werden. An ihnen orientieren sich Kritik und Gestaltung des Umgangs zwischen Sozialpädago- gInnen und ihren AdressatInnen ebenso wie Prin- zipien der institutionell-organisationellen Gestal- tung der unterschiedlichen Arbeitsarrangements. Das Gefüge sozialpädagogischer Maßnahmen und Zugänge wird vom Prinzip der Nähe zur Lebens- welt der AdressatInnen her entworfen. Maßnah- men, die die lebensweltlichen Ressourcen in ihrem Eigensinn, also gleichsam im Feld, stützen und entwickeln, haben Priorität vor denen, die eigene, pädagogische und / oder unterstützende Arrange- ments – z. B. in der Heimerziehung, der Alten- oder der Behindertenhilfe – schaffen und darin die vorhandene Lebenswelt ersetzen. Aktivitäten in der Familie, in der jeweiligen Kultur und ihren Szenen sowie in den Sozialräumen werden ausgebaut. Die Schaffung von Netzen sowie von nur beratenden und die gegebenen Verhältnisse in Begleitung un- terstützenden Hilfen stehen im Mittelpunkt. In der Kinder- und Jugendhilfe beispielsweise wird der ASD in seiner Zuständigkeit für allgemeine Hilfen vor aller Spezialisierung als zentrales Steue- rungsorgan gesehen. Im Horizont von Flexibilisie- rung und Integration werden je angemessene Hilfs- konzepte entworfen. Die Handlungs- und Strukturmaximen haben für die einzelnen Arbeitsfelder und Arrangements je- weils unterschiedliche Bedeutungen und müssen ge- sondert für die einzelnen Felder und Arrangements entworfenundrealisiertwerden(Grunwald/Thiersch
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=