Handbuch 5. Auflage
940 Grunwald · H. Thiersch 2008). So geht es z.B. in der Sozialpädagogischen Familienhilfe darum, im Alltag der Familie diesen Alltag zu stabilisieren und in ihm die Ressourcen zu stärken, die für alle ein verlässliches und attraktives Leben möglich machen. In Beratungen geht es da- rum, die Angebote im Alltag der Region zugänglich zu machen und Zugänge nicht nur zu institutionel- len, sondern gerade auch zu lebensweltlichen Res- sourcen zu erschließen. Die Hilfen zur Erziehung stellen sich als Gefüge sehr unterschiedlicher Hilfen dar zwischen dem Leben in einer Wohngruppe, ei- ner Tagesgruppe, einer Wohngemeinschaft oder in der intensiven Einzelfallhilfe. In diesen verschiede- nen Arrangements der Heimerziehung – oder in Zwischenformen – geht es um die Vermittlung ei- nes entlasteten Raums, der Chancen zur Erfahrung und Bearbeitung von Schwierigkeiten und Ängsten und zum allmählichen Aufbau neuer Perspektiven bietet; Elternarbeit und die Nutzung regionaler le- bensweltlicher Ressourcen spielen hier eine wich- tige Rolle. In der Behindertenarbeit sucht man – im Zeichen von Integration und Inklusion – die Res- sourcen eines „normalen Lebens“ zu nutzen und zu stärken, und in der Altenarbeit geht es um den Er- halt der Stabilität eines gewohnten, aber tragfähi- gen Alltagsarrangements. Sozialräumlich orientierte Gemeinwesenarbeit sucht ein professionell-institu- tionelles Angebotssystem in und für die Region zu inszenieren und zu vernetzen, vor allem aber Be- züge und Kooperationen zu den gegebenen lebens- weltlichen Angeboten der Nachbarschaft, der Ver- eine und der Bürgerinitiativen herzustellen. Eine belastbare regionale Infrastruktur als Kultur des Sozialen ist die dahinter liegende Vision. Perspektiven Das Konzept Lebensweltorientierte Soziale Arbeit hat sich als Antwort auf die Herausforderungen der Moderne entwickelt. Tiefgreifende Entwicklungen und Verwerfungen in den letzten Jahren wie die Globalisierung, das wieder erstarkte Primat des Ökonomischen in einem radikalen Kapitalismus und dem mit ihm einhergehenden Neoliberalis- mus, die Technisierung und Digitalisierung von Produktion und Konsum und die Forcierung von Enttraditionalisierung, Pluralisierung der Lebens- lagen und Individualisierung der Lebensgestaltung lassen sich unter dem Titel einer zweiten Moderne fassen. Die sozialen Probleme verschärfen sich, es bilden sich neue Zonen von Gewinnern und Verlierern, von Verunsicherung und Exklusion in der Gesellschaft, und die Brüchigkeit der Gesell- schaftsstrukturen und Alltagsverhältnisse intensi- viert sich im Zeichen von Entgrenzung. Das Kon- zept Lebensweltorientierung sieht sich zur Ausschärfung seines Ansatzes und seiner Maximen und zu einer neuen Platzierung in Theorie- und Praxisentwicklungen innerhalb der Sozialen Arbeit genötigt. Es sieht sich provoziert, auf seinem prin- zipiellen, demokratisch sozialstaatlichen Auftrag gerade in seiner spezifischen Praxis der Hilfen zur Lebensbewältigung zu insistieren und sein darin begründetes Selbstverständnis sowie seine fachliche Identität zu profilieren. Nötig ist für Profession und Disziplin ein offensives Bewusstsein von der Notwendigkeit und Dignität der Sozialen Arbeit. Das Konzept Lebensweltorientierte Soziale Arbeit versteht sich als praktische Wissenschaft analog zur hermeneutisch-pragmatischen Erziehungswissen- schaft und der Wissenschaft der Sozialen Arbeit (Thiersch 1978, 16 ff.). Prinzipielle Einwände ge- gen dieses Wissenschaftskonzept werden gerade gegen das Konzept Lebensweltorientierung dezi- diert vorgebracht, da es in seiner ausdrücklichen Orientierung an der Lebenswelt der Eigenheit von Wissenschaft nicht gerecht werden könne. Es sei eine ungute Mixtur, ein hölzernes Eisen, es erfülle weder die Ansprüche der Theorie noch die der Praxis und diene eher der Befriedung der Szene, indem Theorie sich als nützlich erfahre und Praxis Legitimationsmuster fände (Prange 2003; Neu- mann / Sandermann 2009). Gegen solche Kritik insistiert das Konzept auf der Möglichkeit und Notwendigkeit, dass Theorie und Praxis im Inte- resse an einer gleichen „Sache“ miteinander ver- bunden sind und sich wechselseitig spiegeln, er- gänzen, provozieren und kritisieren, indem sie in solcher Relationierung zueinander ihrer je eigenen Logik folgen. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit sieht die zu- nehmenden Spaltungen und Brüchigkeiten der Verhältnisse und die strapaziös werdenden Bewälti- gungsleistungen, die notwendig sind, in diesen Verhältnissen zu Rande zu kommen (Böhnisch et al. 2005). Angesichts der neuen Räume der Ver- unsicherung und Exklusion, der Entstrukturierung der Sozialräume und der individuellen, unüber- sichtlichen und riskanten Bewältigungsaufgaben
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