Handbuch 5. Auflage
Lebensweltorientierung 941 verlieren traditionelle Bindungen ihre Kraft, wach- sen Überforderungen und verbinden sich mit psy- chisch-psychiatrischen Belastungen. Orientie- rungslosigkeit, depressive Ziellosigkeit und ziellose Gewalttätigkeiten nehmen zu. In dieser Situation braucht es zum einen Skandalisierung und Ein- mischung in Politik. Es braucht zum anderen an- spruchsvolle Unterstützungskonzepte, die – ka- suistisch in ethnografischen und biografischen Zugängen fundiert – in einer offenen und fantasie- vollen Weiterentwicklung des flexiblen Hilfsange- bots realisiert werden müssen. Zugleich und gegen- läufig aber gewinnen in den neuen Offenheiten alltäglich verlässliche Erfahrungen und darin aus- zuhandelnde Verbindlichkeiten ein neues Gewicht. Die Frage nach der Belastbarkeit von Beziehungen stellt sich neu, ebenso wie die nach der Aneignung und Gestaltung von verlässlichen Verhältnissen, in denen Menschen leben können. Die Bedeutung von überschaubaren Räumen und Milieus muss neu bestimmt werden. Lebensweltorientierung sieht die Ganzheitlichkeit dieser Erfahrungen und bricht sich an den Diffe- renzierungen, die die Szene der Hilfs-, Unterstüt- zungs- und Lernangebote repräsentiert. Um in der Lebenswelt der AdressatInnen sinnvoll agieren zu können, muss dieses Gefüge als Zusammenhang in der Lebenswelt gesehen und zu einer neuen Kultur des Sozialen entwickelt werden. Integration der Hilfen, Koordination, Kooperation und Vernet- zung sind für die soziale und pädagogische Arbeit noch lange nicht ausgereizt, weil sie gegen die Macht der gewachsenen Spezialisierungen und Ab- grenzungen in und zwischen Organisationen und je nach professionellem Status stehen. Dabei gilt es, den Organisationen der Sozialen Ar- beit besondere Aufmerksamkeit und Energie zu widmen und das in ihnen arbeitende Personal pro- fessionell zu leiten, um eine sinnvolle, an qualitati- ven Standards ausgewiesene und reflexive Wahr- nehmung der Fachaufgaben zu ermöglichen. Organisationsgestaltung und Personalführung dür- fen aus lebensweltorientierter Sicht nicht im Gegen- satz zur fachlichen Arbeit stehen. Sie sind notwen- dige Grundlagen, wenn und insoweit sie der unmittelbaren Arbeit dienen (Grunwald /Steinba- cher 2007). Hier ist das Konzept des Entwicklungs- orientierten Managements in Weiterführung ver- schiedener organisationstheoretischer Zugänge, insbesondere dem der lernenden Organisation, hilf- reich (Grunwald 2009). Professionalität in der Lei- tung sozialer Einrichtungen und Dienste erweist sich in diesen Zugängen als permanentes Ausbalan- cieren der die Arbeit bestimmenden Spannungsfel- der, besonders – aus der Sicht des Entwicklungsori- entierten Managements – des Gegensatzes zwischen Flexibilisierung und Stabilisierung (Grunwald 2011). Integration, Kooperation und Organisationsgestal- tung beziehen sich nicht nur auf Organisationen in der Sozialen Arbeit, sondern ebenso auch auf die anderen in der Lebenswelt agierenden Institutio- nen, vor allem auf die Schule (Ganztagsschule / Ganztagsbildung) und die Ausbildung / Arbeitsver- waltung, ebenso aber auch auf Medizin und Psy- chiatrie, auf Polizei und Justiz. Das Konzept Le- bensweltorientierung in der Dimension des erfahrenen Raumes und das Prinzip der Regionali- sierung in der Spannung von erfahrenem Lebens- raum und Verwaltungsraum werden in Konzepten der Sozialraumorientierung konkretisiert und wei- terführend akzentuiert. Zudem werden im Kon- zept Diversity die in der Lebensweltorientierung angelegten, aber nicht intensiver verfolgten Fragen des Nebeneinanders verschiedener Lebenswelten in ihrer Eigensinnigkeit und ihrem Anderssein, in ih- ren Konflikten, Ausgrenzungen und Stigmatisie- rungen rekonstruiert und auf neue Konzepte einer Integration bzw. Inklusion bezogen, die auch durch die ihren Alltag bestimmenden sozialen Probleme und das pragmatische Miteinander in den alltägli- chen Bewältigungsaufgaben geprägt sind. Schließlich: Ein neues Bildungsverständnis betont das Zusammenspiel der verschiedenen Lern- und Bildungszugänge als informelles, nonformelles und formalisiertes Lernen und bietet der Sozialen Ar- beit für einen großen Bereich ihrer Aufgaben einen spezifischen und eigenen Ort in der Bildungsland- schaft (Thiersch 2008). Neben den eingefahrenen und dominanten Bildungsansprüchen des schu- lisch organisierten Lernens kann gerade auch die Lebensweltorientierung im Interesse einer Erweite- rung und Neukonzeption der Bildungslandschaft ihren spezifischen Zugang zur Geltung bringen. Wichtig sind hier das Wissen von Armut, Un- zulänglichkeit und Brüchigkeit heutiger Lebens- welten und die Anerkennung des auch widerbors- tigen Eigensinns der alltäglichen Bewältigungs- und Lernleistungen (dazu auch Rauschenbach 2009), vor allem aber das breite Repertoire heutiger Hilfen
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