Handbuch 5. Auflage
942 Grunwald · H. Thiersch zur Lebensbewältigung im Ausgang der Hilfen in der Lebenswelt (Grunwald /Thiersch 2008). Vor diesem Horizont gewinnt der als informelles Ler- nen eher allgemein gefasste Bereich Struktur. Diesen Ansätzen der Reformulierung, Profilierung und Erweiterung des Konzepts Lebensweltorientie- rung stehen – wie derzeit der Sozialen Arbeit ins- gesamt – die gesellschaftlichen Tendenzen des pri- mär ökonomisch realisierten Neoliberalismus entgegen. Soziale Gerechtigkeit und im besonderen Zugangsgerechtigkeit in den Lebensverhältnissen werden primär als Belastung einer auf Leistung und Konkurrenz angewiesenen Gesellschaft ver- standen und zunehmend eingeschränkt, ja zurück- genommen. Es zählen die Kompetenzen als Hu mankapital, soziale Problemewerdendethematisiert und privatisiert. Dagegen insistiert Lebensweltori- entierung auf Gerechtigkeit im Alltag für alle und auf den im Horizont des Sozialstaates dazu nötigen lebensweltorientierten Gewährleistungen. Lebens- weltorientierte Soziale Arbeit setzt auf die Eigen- sinnigkeit der Unterstützung des Menschen als „Werk seiner selbst“ – mit Pestalozzi geredet –, auf Zeit und die bisweilen nötigen Umwege (Thiersch 1978, 22 ff.). Sie tut dies umso entschiedener, als neuere Tendenzen die Soziale Arbeit unterhalb ih- res Auftrags, für alle das Recht auf und die Mög- lichkeit von Erziehung und Bildung in humanen Verhältnissen und ein Leben in Würde zu beför- dern, eher auf Sicherungs- und Kontrollinteressen beschränken. Sie geben die schwierigen, aufwendi- gen und spannungsreichen Anstrengungen zur Orientierung in unserer verunsicherten offenen Gesellschaft als unangemessene Nachgiebigkeit aus und wollen sie durch simplifizierte Programme zur Disziplinierung, Anpassung und durch Kontroll auflagen ersetzen. Zur Legitimation und Kompensation solcher Strategien wird dann gerade auch Lebensweltori- entierung in Anspruch genommen: In Fortset- zung des alten Missverständnisses, nach dem es im Konzept Lebensweltorientierte Soziale Arbeit nur um Anerkennung von Alltag und Bewälti- gungsleistung gehe, werden die Fragen nach den realen Ressourcen zu ihrer Realisierung und den Notwendigkeiten einer institutionell-professio- nellen Hilfe und deren sozialpolitischer Fundie- rung neoliberal unterschlagen und gegen eine individuell moralisierende Erwartung der Selbst- kontrolle und -behauptung ausgespielt. Es gilt, solcher Instrumentalisierung und Enteignung des Konzepts der Lebensweltorientierung zu wehren sowie ihre Positionen und den protestativen Kern des Konzepts zu verdeutlichen. Literatur Beck, U. (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt Berger, P., Luckmann, Th. (1977): Die gesellschaftliche Kon- struktion der Wirklichkeit. 5.Aufl. Fischer, Frankfurt Bitzan, M. (2000): Konflikt und Eigensinn. Die Lebens- weltorientierung repolitisieren. Neue Praxis 30, 335– 346 –, Bolay, E., Thiersch, H. (2006): Im Gegebenen das Mögli- che suchen. Ein Gespräch mit Hans Thiersch zur Frage: Was ist kritische Soziale Arbeit? Widersprüche 26, 63–73 Bloch, E. (2001): Das Prinzip Hoffnung, 3 Bde. 6.Aufl. Suhrkamp, Frankfurt BMJFFG – Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit (Hrsg.) (1990): Achter Jugendbericht. Bundesminister für Jugend, Familie, Frauen und Gesund- heit, Bonn Böhnisch, L. (2008): Sozialpädagogik der Lebensalter. Eine Einführung. 5., überarbeitete Aufl. Juventa, Wein- heim/München –, Schröer, W., Thiersch, H. (2005): Sozialpädagogisches Denken. Wege zu einer Neubestimmung. Juventa, Wein- heim/München Bourdieu, P. (2008): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Nachdruck Suhrkamp, Frankfurt Brumlik, M. (1992): Advokatorische Ethik. Karin Böllert KT-Verlag, Bielefeld Dörr, M., Müller, B. (Hrsg.) (2006): Nähe und Distanz. Ein Spannungsfeld pädagogischer Professionalität. Juventa, Weinheim/München Engelke, E., Borrmann, S., Spatscheck, C. (2008): Theorien der Sozialen Arbeit: Eine Einführung. 4., überarbeitete und erweiterte Aufl. Lambertus, Freiburg Freire, P. (1971): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Kreuz, Stuttgart Frommann, A. (1987): Da-Sein in Stellvertretung. Eigenver- lag IgfH, Frankfurt/M. Füssenhäuser, C. (2005): Werkgeschichte(n) der Sozialpäd agogik: Klaus Mollenhauer – Hans Thiersch – Hans-Uwe Otto. Der Beitrag der ersten Generation nach 1945 zur universitären Sozialpädagogik. Schneider Hohengehren, Baltmannsweiler Goffman, E. (2001): Stigma. Über Techniken der Bewälti- gung beschädigter Identität. 15.Aufl. Suhrkamp, Frank- furt/M.
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