Handbuch 5. Auflage
944 Lebenswissenschaften und Biotechnologie im Kontext Sozialer Arbeit Von Eric Mührel und Susanne Dungs Die entscheidenden drei Fragestellungen hinsicht- lich der Lebenswissenschaften und der Biotech- nologie im Kontext Sozialer Arbeit sind erstens die nach der Art und Weise der Einbindung der Le- benswissenschaften in eine humane und demokra- tische Lebens kultur , zweitens ob und wie die gern beanspruchte Referenz des Humanismus angesichts der rasanten biotechnischen Entwicklungen noch Geltung beanspruchen kann und drittens nach dem Beitrag der Sozialen Arbeit für eine solche ge- lingende Einbindung. Wie lassen sich die Lebenswissenschaften und die ihnen zugeordnete Biotechnologie mit ihren viel- seitigen Heilsversprechen, von der Ausmerzung bisher unheilbarer Krankheiten bis hin zu einer alle Wünsche des körperlichen Designs erfüllenden Medizin oder auch der Lösung aller Nahrungspro- bleme der Welt mittels gentechnisch veränderter Lebensmittel, in die humane Gestaltung und Pflege der menschlichen Handlungsbereiche und Hand- lungsweisen eingliedern? Das Maß einer solchen Kultur ist das allgemein menschliche wie individu- elle Glück, die sich letztlich beide als unbestimm- bar erweisen. Grundlage hierfür ist die Selbst- bestimmung des einzelnen Menschen hinsichtlich der Wahl einer ihm gemäßen Lebensführung und nicht eine erzwungene Lebensgestaltung, die sich an dogmatischen wissenschaftlich-technologischen Vorgaben ausrichtet. Letzteres aber könnte durch die Lebenswissenschaften indiziert sein, wenn neue biotechnologische Möglichkeiten bezüglich der Eingriffe in die komplexe „Natur“ des Menschen und seiner Lebensweisen als gesellschaftlicher Im- perativ gesetzt werden, der zudem unerwünschte Nebenwirkungen mit sich führen kann. Ein Bei- spiel hierfür ist die Betonung der Eigenverantwor- tung für den Umgang mit genetischen Risiken oder auch die sich aus der Pränataldiagnostik ergeben- den Möglichkeiten der Selektion behinderter Men- schen. Im Mittelpunkt dieser drei Fragestellungen steht somit das Problem der Ermöglichung und Gefährdung gelingenden Lebens durch biowissen- schaftlichen Fortschritt. Die Aktualität dieser Fragestellungen und die Bri- sanz der Problemhorizonte weisen auf die Notwen- digkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit den Entwicklungen in den Lebenswissenschaften und in der Biotechnologie aus der Perspektive der Sozialen Arbeit hin. Bisher wird diese Debatte aber nur marginal geführt. Eine erste grundlegende Stu- die zu der Thematik legten in jüngster Zeit Susanne Dungs, Uwe Gerber und Eric Mührel mit einem Sammelband zum Thema „Biotechnologie in den Kontexten der Sozial- und Gesundheitsberufe“ (2009) vor. Im Folgenden werden zunächst die Begriffe Le- benswissenschaften und Biotechnologie erklärt. Darauf folgt eine Beschreibung der Technikent- wicklungen im Kontext der Biotechnologie. An- schließend werden die sozialen Folgewirkungen dieser Entwicklungen, die damit verbundene Infra- gestellung der humanen Lebenskultur und die sich durch diese Entwicklungen ergebenden Aufgaben der Sozialen Arbeit thematisiert. Lebenswissenschaften und Biotechnologie Der Begriff Lebenswissenschaften ist dem englischen Begriff Life Sciences entlehnt. Sciences als Wissen- schaften beziehen sich in der Absetzung zu den Hu- manities als (Geistes-)Wissenschaften vom Men- schen eher auf natur- und sozialwissenschaftliche Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art088, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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