Handbuch 5. Auflage

Lebenswissenschaften und Biotechnologie im Kontext Sozialer Arbeit 945 Forschung. Es verwundert daher kaum, dass die im wissenschaftlichen Kontext noch nicht eindeutig de- finierten Lebenswissenschaften nach einer Beschrei- bung der UNESCO „die Disziplinen Biochemie, Bioinformatik, Biologie, Biomedizin, Biophysik, Bio- und Gentechnologie, Umweltmanagement und Umwelttechnik“ umfassen (UNESCO 2008). Nach einer Darstellung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) umfassen die Le- benswissenschaften die Gesundheitsforschung, die biomedizinische Forschung, die Biotechnologie so- wie Ethik und Recht (BMBF 2008). Anhand dieser Definitionen wird deutlich, dass sich unter dem Label Lebenswissenschaften Grundlagenwissenschaf- ten wie Angewandte Wissenschaften mit einer spezi- fischen Perspektive auf das Leben – den Bios – sub- sumieren lassen. Die Biotechnologie ist demnach eine auf Anwendung bezogene Lebenswissenschaft, die die grundlegenden Erkenntnisse zu einer tech- nischen Umsetzung weiterführen soll. Im Rahmen einer vorläufigen Kritik der so zu verstehenden Le- benswissenschaften ist zu hinterfragen, ob eine sehr spezifisch naturwissenschaftliche Perspektive auf das Leben und den Bios nicht immer auch eine ver- kürzte ist. Denn Leben umfasst in seinen Grund- bedeutungen des Zustands, der Tätigkeit und der Dauer auch immer Perspektiven eines Selbst- und Weltverständnisses und der Sinn- und Weltdeutun- gen, wie sie vor allem philosophische, theologische und politisch-soziale Lebens verständnisse generieren. Eine Reduktion des Verständnisses von Leben im naturwissenschaftlichen Sinne ist daher eine letzt- lich unhaltbare Verkürzung (Toellner 1980). Selbst eine Einbeziehung der Ethik in die Lebenswissen- schaften stellt eher ein Indiz einer solchen Reduktion dar, da die Ethik zum einen als praktische Philoso- phie ohne Rückbezug auf andere philosophische Fachgebiete wie die Anthropologie oder die Ontolo- gie gar nicht aus sich selbst heraus bestehen kann. Zum anderen soll die Ethik dem zunehmenden Ver- lust der grundlegenden Leitunterscheidungen von Natur und Kultur, gesund und krank, Leben und Tod, Mensch und Maschine Einhalt gebieten und Prinzipien der Orientierung bereitstellen. Dient Ethik dann aber nicht eher als eine die Bevölkerung beruhigende Verzierung von Technikentwicklungen, die – während noch über Lebensschutz und For- schungsfreiheit debattiert wird – durch mächtige und bemächtigende monetäre Interessen immer weiter vorangetrieben werden? Von dieser vorläu- figen Kritik aus drängt sich eine Diskussion der So- zialen Arbeit, z.B. im Sinne einer Lebensweltorien- tierung (Thiersch 2005) und einer Hermeneutik der Lebensweisen (Mührel 2008), mit den Lebenswis- senschaften geradezu auf. Technikentwicklungen Der menschliche Körper ist ins Zentrum dessen gerückt, was Michel Foucault die „Biopolitik“ ge- nannt hat. Der gegenwärtige Diskurs der „Bio- politik“ untersucht, wie der biowissenschaftliche Technologieschub einen erweiterten Zugriff auf menschliche Lebensprozesse erlaubt und dabei auch den Begriff des Lebens verändert. Hierher ge- hören Technologien der Gendiagnostik, der Re- produktionsmedizin, der Transplantationsmedizin, der Regenerativen Medizin (Stammzellforschung), der Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik und die Visualisierungstechniken der Hirnforschung und der Computertomographie. Die biotechnolo- gischen Innovationen brechen mit unserer traditio- nellen Vorstellung vom menschlichen Körper. Der Körper gilt immer mehr als molekulare Software, die gelesen und umgeschrieben werden kann (Lemke 2007). Er wird in digitale Einzelinforma- tionen zerlegt und soll optimiert werden. Drei dieser Technikentwicklungen sollen im Folgenden anhand von Beispielen kurz skizziert werden: das Neuro-Enhancement, die Prädiktive Gendiagnos- tik und die Regenerative Medizin. Innerhalb dieser drei Bereiche zeigt sich deutlich, dass mit der Fo- kussierung auf die biomedizinische Ausstattung des Menschen, verschmolzen mit der ökonomi- schen Orientierung, eine „wesentliche Verengung und Verschiebung der Wahrnehmungsstruktur ge- sellschaftlicher Risiken“ angelegt ist, die sich als eine „Biologisierung der sozialen Kontexte des Le- bens“ fassen lässt (Feuerstein /Kollek 2001). Seit Mitte der 1980er Jahre wird verbunden mit dem Ideal des flexiblen Menschen (Sennett 1998) ein ganzes Bündel an Erwartungen gleichzeitig an den Menschen gerichtet. Er soll flexibel, mobil, leistungsbereit und eigenverantwortlich sein, sich ständig fortbilden und lebenslang lernen und sich körperlich durch Fitness, Jugendlichkeit und Schlankheit auszeichnen. Neben der Schönheits­ chirurgie, dem Functional Food und dem Doping im Leistungssport rücken hier Mittel zur Verbes-

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