Handbuch 5. Auflage

946 Mührel · Dungs  serung des Denkens, der Aufmerksamkeit und der Stimmung ins Zentrum, das sog. Neuro-Enhance- ment . Bislang wurde davon ausgegangen, dass zum Neuro-Enhancement geeignete Medikamente (wie das ADHS-Medikament Ritalin oder das Antide- pressivum Prozac) nur wirklich Kranken verab- reicht werden sollten. Tatsächlich aber werden diese Mittel inzwischen dauerhaft von vielen Men- schen eingenommen, um sich fitter und leistungs- fähiger zu machen und um soziale Stresssituationen besser und kompetenter bewältigen zu können. Das Kriterium für die sog. Aufmerksamkeitsdefi- zit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist auch bei Kindern vor allem auf schulleistungsbezogene Stö- rungen konzentriert. In einer Gesellschaft, die alles nach Effizienz und Nützlichkeit bewertet, steht ein Kind stärker als früher in der Gefahr, aus dem enger werdenden Leistungsrahmen heraus zu fal- len, so dass das Mind-Doping von Eltern wie von Kindern als probates Mittel ergriffen wird, um sich den steigenden Anforderungen anzupassen. Die Pharmaindustrie sieht in diesem bedenklichen Trend hingegen einen großen Absatzmarkt. Bei Er- wachsenen wie bei Kindern gilt es, das Augenmerk auf latente Zwangsmechanismen zu richten, die die Anwendung solcher Mittel zur gängigen Praxis werden lassen, da Individuen, die z. B. im Arbeits- oder Schulalltag auf ein Mind-Doping verzichten wollen, in der Gefahr stehen, mit ihren gedopten KollegInnen nicht mehr mithalten zu können. Zum genetischen Vorteil tritt hier ein medikamen- töser hinzu, so dass die Leitunterscheidung von Kultur und Natur auch über diese Form des psy- chischen Enhancements durchlöchert wird (Schöne-Seifert et al. 2008). Der gesellschaftlich offensichtlich immer unverzichtbarer werdende Kurs der selbsttechnologischen Arbeit an sich selbst wird durch chemische Mittel unterstützt. Wenn sich der Mensch zunehmend einer solchen umfas- senden Selbstoptimierung unterstellt, könnte er sich selbst seiner Freiheit berauben, weil diese im- mer auch das Imperfekt-sein-Dürfen einschließt (Sandel 2008). Zur Kultur der Selbstverbesserung gehört weiter die Regenerative Medizin . Das Ziel der Forschung mit embryonalen bzw. mit adulten Stammzellen richtet sich auf die Herstellung regenerativer Zell- systeme für Zell- und Gewebeersatz (z. B. im Ge- hirn etwa bei Alzheimer oder Parkinson). Weitere Forschungsfelder sind die Leber, die Haut, die Knochen. Wenn es gelingen sollte, solche Zellsys- teme zu züchten (Tissue Engeneering), ist der Weg für eine regenerative Medizin bereitet. Regenera- tion bezieht sich auf das Phänomen, dass bei Am- phibien amputierte Glieder nachwachsen können. Tissue Engeneering kann definiert werden als ein interdisziplinäres Feld, in dem Prinzipien der In- genieurwissenschaften mit denen der Life Sciences verbunden werden. Ging es früher um die Kon- struktion nicht-biologischer Substitute, so soll nun biologischer Organersatz erzeugt werden. Die me- dizinische Modellierung der Ausstattung des Men- schen spielt hier neben der Heilung und Neuzüch- tung beschädigter Organe mit den Ideen der Vervollkommnung und Unsterblichkeit. Gendiagnostische Verfahren gewannen seit Mitte des 20. Jh. an Bedeutung und erreichen seit der Gesamtsequenzierung des menschlichen Genoms im Juni 2000 einen neuen Höhepunkt. Die daraus resultierenden Möglichkeiten biotechnologischer Interventionen, wie Gendiagnostik und Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik, begründen den Anspruch, die körperliche Existenz des Menschen umfassend erfassen, kontrollieren und korrigieren zu können, so dass sich die Anwendung genetischer Tests inzwischen auf alle Existenzphasen des menschlichen Lebens ausgedehnt hat. In den letz- ten Jahren wurden daraus hervorgehend verschie- dene Techniken zur Untersuchung der Disposition für erbliche Erkrankungen entwickelt. Es gibt eine große Zahl von (vor allem monogenen) Erkran- kungen, die erst im Laufe des Lebens manifest werden und daher prädiktiv prognostizierbar sind. Die Prädiktive Gendiagnostik bedeutet die Unter- suchung eines gesunden Menschen auf genetische Anlagen hin, die für eine spätere Erkrankung dis- ponieren könnten. Sie hat zum einen eine unmit- telbare medizinische Relevanz, wenn es um grund- sätzlich behandel- oder verhinderbare Krankheiten geht (z. B. manche erbliche Krebserkrankungen) oder wenn es sich um Dispositionen für Erkran- kungen handelt, die zwar nicht geheilt werden können, deren Verlauf aber über eine veränderte Lebensführung der Betroffenen positiv beeinflusst werden kann (z. B. bei der Hämochromatose). Eine nur mittelbare medizinische und zunächst nicht therapeutische Bedeutung haben hingegen prädik- tive Diagnosen, die nur mit einer gewissen Wahr- scheinlichkeit das Auftreten einer Erkrankung vo- raussagen können (der Vorhersagewert kann je

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