Handbuch 5. Auflage

Lebenswissenschaften und Biotechnologie im Kontext Sozialer Arbeit 947 nach Erkrankung zwischen 5 und 100% schwan- ken; bei Chorea Huntington z. B. beträgt er nahezu 100%, bei familiärem Brustkrebs liegt er nur we- nig über dem durchschnittlichen Risiko der Bevöl- kerung). Hinzu kommen Möglichkeiten der Ab- stammungstests (z. B. Vaterschaftstests anhand von Haar- und Speichelproben) und diverse Verfahren innerhalb der Kriminalistik (sog. genetischer Fin- gerabdruck). Die genetische Diagnostik vermag zur Beruhigung beizutragen, wenn sich ein negati- ves Ergebnis herausstellt. Sie erfordert hingegen eine neue Entscheidung, wenn positive Dispositio- nen, d. h. Abweichungen von der Norm, festgestellt werden. Die genetische Diagnostik verstärkt den gesellschaft- lichen Trend zur Risikofaktorenmedizin. Gesund- sein und Sich-gesund-Fühlen treten immer mehr als Ergebnisse eines aktiven, informierten und eigenver- antwortlichen Umgangs mit dem eigenen Körper in Erscheinung. Gesundheit ist fortschreitend weniger ein Phänomen der Gabe, die auch das Unerbetene einschließt, sondern Produkt eines hochkomplexen Prozesses der Selbstkontrolle und Selbstoptimierung, der voraussichtlich bei weitem nicht von allen wird bewältigt werden können. Soziale Folgewirkungen Die sozialen Folgewirkungen der beschriebenen Technikentwicklung beziehen sich vornehmlich auf die Vertiefung bestehender Desintegrations- linien in der Gesellschaft (Mührel 2006) wie etwa Arm – Reich, Gesund – Krank oder Jung – Alt, mit denen sich Soziale Arbeit seit ihren professionellen Anfängen in jeweiligen Modernisierungsprozessen auseinandersetzt. Bestehende soziale Ungerechtig- keiten werden verschärft, wenn z. B. biotechnolo- gische Produkte und Dienstleistungen zur Gesund- heitserhaltung und -prävention entweder lediglich einem bestimmten Teil der Gesellschaft zur Ver- fügung stehen oder aber der Zwang zum Enhance- ment (Optimierung) universal wird. Eine beson- dere Bedeutung kommt dabei der Verknüpfung von biotechnologischer Entwicklung und gleich- zeitiger Ökonomisierung der Gesellschaft zu (Dungs 2009). Unter dem dogmatischen Diktat der Eigenverantwortung (Mührel 2005) werden dabei Lebensrisiken entsolidarisiert, naturalisiert und privatisiert. Nicht mehr die Gesellschaft über- nimmt Verantwortung für ihre einzelnen Mitglie- der hinsichtlich der Absicherung von gesund­ heitlichen, sozialen und auch wirtschaftlichen Lebensrisiken, sondern der einzelne Bürger soll nun Verantwortung für diese Risiken übernehmen, um die Gesellschaft insgesamt zu entlasten. Unter biotechnologischem Vorzeichen werden Menschen nun aber nicht nur für ihre Lebensführung verant- wortlich gemacht, sondern auch für ihren Bios, den genetischen Lebensrahmen bzw. dessen Per- fektionierung. Im Zuge dieser „neuen Eugenik“ (Reyer 2003) wird nicht mehr oder kaum noch ge- fragt, ob die Gesellschaft ihren Mitgliedern die notwendigen wirtschaftlichen und sozialen Res- sourcen für eine reflektierte Lebens- und Selbst- gestaltung, etwa über Erziehung, Bildung und wirtschaftliche Grundsicherung, ausreichend zur Verfügung stellt. Die genannten sozialen Folgewirkungen provo­ zieren die Einmischung der Sozialen Arbeit in so­ zialpolitische Debatten und Entscheidungsfin- dungsprozesse. Dabei ist sie einer innovativen Gesellschaftskritik verpflichtet, die auf die Bereit- stellung grundlegender und ausreichender Res- sourcen für alle Gesellschaftsmitglieder hinsicht- lich einer selbstbestimmten Lebensführung zielt. Die biotechnologische Entwicklung wird hierbei zu einer weiteren Herausforderung für die Soziale Arbeit. Diese Entwicklung betrifft aber nicht nur bestimmte Bevölkerungskreise über die Verschär- fung sozialer Desintegrationslinien, sondern die Mitglieder westlicher Gesellschaften insgesamt, da sie zudem unmittelbare Auswirkungen auf das menschliche Selbst- und Weltverhältnis und damit jegliche humane Lebenskultur hat. Lebenswissenschaften und Lebenskultur Wie in der Einleitung schon angemerkt, ist die ent- scheidende Fragestellung bezüglich der Innovatio- nen durch die Lebenswissenschaften die individuelle und gesellschaftliche Bewältigung der gesteigerten biotechnischen Möglichkeiten im Fortbestand einer humanen und demokratischen Lebenskultur. Men- schen waren und sind andauernd im Rahmen der Technisierung ihrer Lebenswelten (Blumenberg 1981) gefordert, die sich in diesem Prozess aufbau- ende und immer wiederkehrende Differenz von

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